Coimbra
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Académica de Coimbra im Dienste der Demokratie – Ein Finale als Demonstration gegen das autoritäre Regime

Das portugiesische Pokalfinale zwischen Benfica Lissabon und Académica Coimbra im Jahr 1969 war ein hochpolitisiertes Spiel und gleichzeitig die größte Versammlung gegen das autoritäre Salazar-Regime, die es gab. Hintergrund war die sogenannte crise académica (akademische Krise) von 1969 in der berühmten Universitätsstadt.

Das Finale der Taça de Portugal findet seit seiner Eröffnung im altehrwürdigen, am Berliner Olympiastadion inspirierten, Estádio Nacional do Jamor, in der Nähe von Lissabon statt. Am 22. Juni 1969 machten sich tausende Anhänger Académicas auf den Weg nach Lissabon, jedoch nicht nur um das Fußballspiel zu sehen, sondern auch um für die Demokratie zu kämpfen. Denn Coimbra war in Aufruhr.

Akademische Krise 1969

Am 17. April 1969 brach in Coimbra die akademische Krise aus, nachdem es dem Präsidenten der Assoçiacão Académica (studentische Vereinigung, zu der auch der Fußballverein gehörte), Alberto Martins, im Vorfeld verboten wurde, bei der Eröffnungsveranstaltung der neuen Mathematischen Fakultät für die Studenten zu sprechen. Stattdessen sollten nur der Direktor der Universität, militärische und kirchliche Repräsentanten, und Minister des Regimes sprechen. Zu diesem Zeitpunkt kämpften die Studenten in Coimbra bereits für mehr Mitspracherecht und die Demokratisierung der Hochschullehre, und wollten ihre Forderungen in Anwesenheit des damaligen Staatspräsidenten, Américo Tomás, kundtun. Der Saal der Zeremonie war bis auf den letzten Platz gefüllt, und die Studenten forderten erneut, das Wort erteilt zu bekommen. Jedoch wurde dies wieder vom Staatspräsidenten abgelehnt, woraufhin dessen Rede durch Zwischenrufe gestört wurde, und er, ohne seine Rede zu beenden, abrupt den Saal verließ. Daraufhin war die Bühne frei für die Rede Alberto Martins, und die Interessen der Studenten wurden schließlich doch noch vorgetragen.

Noch am selben Abend, wurde Martins von der PIDE (Staatsschutz) festgenommen. Insgesamt wurden über 200 Studenten verhaftet und teilweise unmittelbar zum Militärdienst herangezogen, und sogar in den Kolonialkriegen – in Angola und Mosambik – eingesetzt. Als Konsequenz bestreikten die Studenten Vorlesungen und Prüfungen, und hielten die Universität besetzt. Ironischerweise verkündete dann der Bildungsminister José Saraiva in einer Fernsehansprache, dass die Ordnung an der Universität wiederhergestellt werden würde, von der das halbe Land aber aufgrund der Zensur noch überhaupt nichts mitbekommen hatte. Am 2. Juni rückten Polizei- und Militäreinheiten in die Stadt ein, riegelten die Universität ab, patrouillierten an öffentlichen Plätzen, und sorgten, für ein „Saigon-ähnliches Gefühl“ in der Stadt. Während dieser Wochen kam es zu großen kulturellen Demonstrationen in den Gebäuden der Assoçiacão Académica, mit bekannten Persönlichkeiten, wie den Sängern José „Zeca“ Afonso und Adriano Correia da Oliveira, und Mitgliedern der demokratischen Opposition. Coimbra wurde zu „einem Leuchtturm der Freiheit und Hoffnung für das ganze Land“. Das positive Abschneiden der Fußballabteilung kam den Studenten zugute, denn so konnte man auch in anderen Städten auf die Lage aufmerksam machen.

Der Finaltag

Die Südkurve des Estádio Nacional verwandelte sich am Tag des Spiels in eine Versammlung gegen das Regime. Angesichts der zu erwartenden regimefeindlichen Stimmung nahmen weder Präsident António Salazar noch der Bildungsminister auf der Ehrentribüne Platz. Es ist damit das erste und einzige Pokalfinale in der Geschichte Portugals, dem der Präsident fernblieb. Des Weiteren wurde das Spiel nicht im Fernsehen übertragen, um den Forderungen der Studenten keine zusätzliche Bühne zu bieten. Durch die Zensur des Regimes war das Ausmaß der Vorgänge in Coimbra im Rest des Landes noch relativ unbekannt geblieben.

Aufgrund des zu erwartenden, regimekritischen Szenarios, war ein immenses Polizeiaufgebot vor Ort. Zusätzlich befanden sich noch zivile Beamte sowie Angehörige des Staatsschutzes im Stadion. Bereits vor dem Anpfiff gab es zahlreiche Festnahmen, welche die Spieler Académicas hautnah miterlebten.

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Die Spieler Académicas liefen mit den traditionellen Mänteln der akademischen Tracht, die das Stadtbild in Coimbra prägen, ein, und stellten klar, wem ihre Solidarität galt. Bereits in den beiden Halbfinalspielen gegen Sporting Lissabon griff man zu ähnlichen Maßnahmen. Im Hinspiel im Estádio Alvalade lief man in weißen Trikots mit schwarzen Armbinden auf, statt in den traditionellen schwarzen Trikots. Die Spieler behaupteten aber, dass man wegen der Hitze im Stadion die weißen Jerseys wählte, nicht aus politischen Gründen, denn „es geht ja auch niemand schwarz gekleidet an den Strand“. Im Rückspiel war die Maßnahme eindeutiger, man überklebte das Vereinswappen mit Klebeband, um auf die Repressionen der Studenten aufmerksam zu machen.

Über die Stimmung an jenem Tag sagte der Benfica-Spieler António Simões, dass er schon in „hunderten vollen Stadien gespielt hatte, aber so eine Atmosphäre noch nie erlebt hatte“. Während des Spiels rollten die Coimbra Fans ihre mitgebrachten Plakate aus, auf denen Forderungen nach einer „freien Universität“, „Bildung für alle“ oder „besserem Unterricht, weniger Polizei“ zu lesen waren. Um nicht von den Zivilpolizisten verhaftet zu werden, wurden die Spruchbänder während des Spiels wieder eingerollt und weitergegeben, um an anderen Ecken im Stadion wieder aufzutauchen. Auch die Benfica Anhänger machten mit. Des Weiteren wurden 35.000 Flugblätter im Stadion verteilt, um über die Situation in der Universitätsstadt zu berichten.

Das Spiel

Die Vorzeichen vor dem Spiel waren klar, Benfica mit dem großen Eusébio war der Favorit und Académica der klare Außenseiter. Die 60er Jahre waren das goldene Jahrzehnt des Hauptstadtklubs, in dem er acht Meisterschaften, drei Pokalsiege und zwei Europapokal der Landesmeister-Siege feierte. Außerdem bestand die Mannschaft Académicas, im Gegensatz zum Gegner, nicht aus Berufssportlern, sondern nur aus Studenten oder ehemaligen Studenten, was damals in der Satzung so festgelegt war. Darunter auch einige Studenten, die aus den Kolonien stammten (Araújo, Chipenda, França), und die von der Polizei als gefährliche Elemente eingestuft, und der Freiheitsbewegung ihrer Länder zugeschrieben wurden. Trotzdem zählte die Mannschaft aus der Stadt am Rio Mondego damals noch zu den besten vier Vereinen Portugals und schied in diesem Jahr im Europapokal gegen Olympique Lyon unglücklich nach Münzwurf aus, auf der das Konterfei Francos nach oben zeigte.

Im Finale hielten die Studenten bis zur 80. Minute das 0:0 und gingen dann sogar durch Manuel António in Führung. Nach einem Freistoß aus dem Halbfeld von Gervásio ließ er den Ball, umringt von drei Benfica-Spielern, von der Brust auf den Boden tropfen und versenkte den Ball per Dropkick. Doch zur Sensation kam es nicht. Simões glich zwei Minuten vor dem Ende per Abstauber aus, nachdem der Torhüter einen halbhohen Freistoß aus 30 Metern, der durch Freund und Feind durchging, nur nach vorne abprallen lassen konnte. In der Verlängerung sorgte dann der starke Eusébio selbst für die Entscheidung. In der 109. Minute erzielte er, nach einer Flanke vom Sechzehnereck, mit einem seiner seltenen Kopfballtore das 2:1, von dem sich Coimbra nicht mehr erholte. Nach Abpfiff herrschte eine freundschaftliche Stimmung, und die Spieler tauschten die Trikots und drehten eine gemeinsame Ehrenrunde. Vor einigen Jahren sagte der damalige Académica-Innenverteidiger José Belo in einem Interview, dass er aus heutiger Sicht denkt, dass ein Sieg Académicas gefährlich gewesen wäre, und zu unabwägbaren Konsequenzen hätte führen können.

Finale der Taça 2012 – Coimbra holt nach 73 Jahren den Titel

Erst 43 Jahre später, im Jahr 2012, schaffte es Académica wieder ins Finale der Taça de Portugal. Doch diesmal hatte man das bessere Ende für sich, und konnte nach 73 Jahren, durch ein 1:0 gegen Sporting Lissabon, den Titel wieder nach Hause holen. Die Legende besagt, dass an diesem Abend in Coimbra das Bier ausging. Während des Finales präsentierten die Anhänger, im Geiste von 1969, wieder kritische Spruchbänder. Dabei wurden vor allem die Bildungspolitik, die teuren Studiengebühren, und die hohe Jugendarbeitslosigkeit kritisiert. Im Vergleich zu 1969 war dies nur ein kleines Zeichen, aber in einem Zeitalter, in dem die UEFA die Zensur ausübt, und jegliche politischen Botschaften aus den Stadien verbannt hat, eine Notiz wert.

Der komplette Film zum obigen Trailer: