Sócrates

Democracia Corinthiana: Doktor Sócrates und sein Kampf gegen die Militärdiktatur

Wir schreiben das Jahr 1960: Jânia Quadros wird zum neuen Präsidenten Brasiliens gewählt. Er möchte den desaströsen Haushalt seines Landes auf Vordermann bringen und sich von der Abhängigkeit der USA lösen. Als er merkt, dass dieses Unterfangen kläglich scheitern wird, tritt er nach wenigen Monaten schon zurück. Der bisherige Vize-Präsident João Goulart wird zum Nachfolger ernannt. Seine Präsidentschaft verläuft ebenso mit vielen Höhen und noch mehr Tiefen. Bis 1964 sollte dies so weitergehen, dann putschte das Militär unter Humberto Castelo Branco und das Elend nahm seinen Lauf.

Die Phase ab 1964 sollte eine schwarze und zugleich schwierige Zeit für das brasilianische Volk werden. Unterdrückungen, Zensuren, ja auch Morde standen an der Tagesordnung. Alles was sich dem Regime quer stellte, wurde in irgendeiner Weise aus dem Weg geräumt. Der Unterdrückungsapparat des Staates funktionierte dahingehend „blendend“ – somit schien die Situation, die wahrlich sehr wild war, nach Außen hin recht ruhig. Die Politik des Militärs bot dem Volk aber keine Anhaltspunkte als Identifikation. Worauf können die Brasilianer stolz sein? Wie kann das Militärregime die Gesellschaft vereinen? Die Antwort war schnell gefunden. Wenn sich das brasilianische Volk in einer Sache einig ist und war, dann ist es der Fußball.

Die WM 1970 als Propaganda-Maschine

Gesagt, getan. Das Militär rüstete für die kommende WM 1970 ordentlich nach. Man nahm viel Geld in die Hand und benutzte auch die Medien optimal. Auch innerhalb des Nationalteams wurde viel rumgepfuscht. Beispielsweise ersetzte der damalige Diktator Emílio Médici den Nationaltrainer João Saldanha durch Mário Zagallo. Der Grund für diese Intervention war, dass Saldanha Dario José dos Santos, kurz Dadá, nicht nominierte, der Médicis Lieblingsspieler war. Außerdem war Saldanha Kommunist – was wäre denn das für ein Unding, wenn die Militärdiktatur den WM-Titel mit einem kommunistischen Nationaltrainer hätte teilen müssen? Wie dem auch sei, Brasilien wurde 1970 Weltmeister, Saldanha war nicht dabei und die diktatorische Regierung wurde gefeiert: Besser hätte es also nicht laufen können. Dieser Titel löste viel Euphorie und Hoffnung innerhalb der Gesellschaft aus. Diktator Médici hatte es also geschafft – Das Volk war vereint und auf seiner Seite.

Erfolglose Jahre bis in die 80er Jahre

Die kommenden Jahre waren gekrönt von Erfolgslosigkeit. Bei der WM 1974 belegte die Nationalmannschaft lediglich den 4. Platz. Vier Jahre darauf wurde man immerhin noch Dritter. Mehr und mehr spürte man die Unzufriedenheit innerhalb des Volks. Nicht ausschließlich aufgrund des Abschneidens der Nationalmannschaft. Die Zeit war geprägt von Repressionen und Unterdrückungen.

Eine Mannschaft aus São Paulo hat eine Idee

Wir sind mittlerweile im Jahr 1981 angekommen. João Figueiredo ist mittlerweile seit zwei Jahren der neue Präsident im militär-diktatorischen System und in São Paulo soll in den kommenden Jahren etwas Unglaubliches passieren. Der Sport Club Corinthians Paulista, im deutschsprachigen Raum auch als Corinthians São Paulo bekannt, spielte 1981 eine schwache Runde in der Liga (damals Taça de Ouro) und bei den Staatsmeisterschaften von São Paulo, sodass die Unzufriedenheit innerhalb des Vereins wuchs. Etwas Neues musste her. Als dann im darauffolgenden Jahr die Präsidentschaft des autoritären Clubchefs Vicente Matheus – übrigens war er ein erklärter Freund der Militärdiktatur – endete, war der Weg für ein neues Corinthians frei. Waldemar Pires wurde zu seinem Nachfolger gewählt. Der installierte den Soziologen Adílson Alves als neuen Sportdirektor, der wiederum mit den Spielern über die Zukunft des Vereins diskutierte und sie in Entscheidungen miteinbezog. In Verbindung mit politisch interessierten und engagierten Spielern wie Wladimir, Casagrande und allen voran o doutor, der Doktor, Sócrates erfolgte die Umwälzung des Vereins. Fortan wurden Entscheidungen gemeinsam und demokratisch getroffen.

Sócrates sagte Jahre später noch dazu: „Wir haben jede Entscheidung kollektiv getroffen und uns an der gesamten Clubführung beteiligt. […] Der einfachste Angestellte hatte das gleiche Gewicht wie der Repräsentant des Unternehmens, seine Stimme hatte den gleichen Wert. Es war alles sehr demokratisch. Diese Zeit war wunderbar und hat uns alle verändert.“ Sócrates war der Inbegriff des Rebells des Fußballs. Ein Rockstar im Weltfußball, mit einer wahrlich hohen Intelligenz. Er rauchte täglich 20 Zigaretten, hatte ein Revoluzzergen wie keiner Anderer, und verpasste die WM 1978, aufgrund seines Medizinstudiums. Ein Mensch mit zahlreichen Facetten wurde das Aushängeschild der Utopie.

Deutlich wurde es auch, als die Spieler ihren Kollegen Zé Maria, 1983, als neuen Trainer vorschlugen. Es wurde demokratisch abgestimmt und Zé Maria war fortan der neue Coach der Corinthians.

Die erste Mannschaft mit Trikotwerbung

Die verrückte Geschichte um die Corinthians blieb natürlich nicht im Verborgenen. Ein wichtiger Fixpunkt wurde der damals junge Werbetexter Washington Olivetto, der von der Aktion des Vereins hörte. Ihm wird der Ausdruck „Democracia Corinthiana“ zugeschrieben. Fortan trugen die Spieler von Corinthians politische Botschaften auf den Trikots. Diretas já (Dikrektwahlen jetzt!) oder Eu quero votar para presidente (Ich will meinen Präsidenten wählen) wurden nun die Ausrufe des Vereins – und des Volkes. Das Motto der Spieler um den Anführer Sócrates lautete: Ganhar ou perder, mas sempre com democracia (Gewinnen oder verlieren – aber immer demokratisch). Dieser Satz sagt eigentlich alles aus. Vielen bleibt das Bild von Wladimir und Sócrates in den Gedächtnissen, als sie mit einem riesen Transparent ins Stadion liefen und das Motto, die Philosophie, des Vereins zeigten.

Der Umschwung trägt Früchte

Sócrates

Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Die demokratische Mannschaft von Corinthians holte sich schon in den Jahren 1982 und 1983 die Staatsmeisterschaft von São Paulo zurück. Zum gesamtbrasilianischen Titel reichte es im Nachhinein nicht, jedoch hatten die Paulistas die Masse, die Gesellschaft im ganzen Land erreicht. Der Verein kam seinem Ziel immer näher. Erfolg war hierbei eher zweitrangig. Auch der doutor betonte dies in gewohnt revolutionärer Manier: „Die Meisterschaft ist nur ein Detail.“ Das Volk wurde allmählich mobilisiert und zeigte seinen Unmut über die politische Lage des Landes deutlich. So kam es im Jahr 1984 zu einem Referendum, die sogenannte Emenda Constitucional Dante de Oliveira, das eine Direktwahl (diretas) des brasilianischen Präsidenten ermöglicht hätte.  Zuvor hatte Sócrates bei einer Kundgebung auf dem Platz der Kathedrale in São Paulo vor zwei Millionen Menschen bekannt gegeben, dass er nicht nach Italien wechselt, falls die Gesetzesänderung in Kraft treten würde. Das Referendum scheiterte an 22 Stimmen und Sócrates wechselte infolgedessen zum AC Florenz nach Italien. Ein Jahr darauf folgte aber die erste freie Wahl des Präsidenten und der oppositionelle Tancredo Neves setzte sich durch. Somit ging João Figueiredo als letzter Präsident der 21-jährigen Militärdiktatur Brasiliens in die Geschichte ein. (Neves verstarb aber noch vor Amtsantritt.)

Die letzten Jahre der „Democracia Corinthiana“

Die Verfassungsänderung scheiterte, Sócrates war nicht mehr in Brasilien, Neves starb noch vor Amtsantritt – Die Corinthians hatten trotzdem das Land bewegt. Die Militärdiktatur war passé und der demokratische Weg, den der Verein einschlug, sollte nun weitergehen. Es dauerte keine zehn Jahre und die Sache mit der Demokratie war bei den Corinthians wieder vergessen. Alberto Dualib wurde 1993 zum neuen Präsidenten des Clubs ernannt und sollte bis 2007 an der Spitze stehen. Während seiner Regentschaft schloss er mit der Investmentgruppe MSI einen Vertrag ab. Der Verein wurde somit Eigentum der Investmentgruppe – bis 2007. Da griff die brasilianische Justiz durch und beendete die Kooperation mit MSI aufgrund von Korruption. Mit MSI verschwand auch der Präsident Alberto Dualib.

Der letzte Weg von Sócrates

Sócrates

Ein besseres Drehbuch für eine Tragödie hätte man nicht schreiben können. O Doutor war im August 2011 aufgrund von Magenblutungen in ein Krankenhaus eingeliefert worden und verbrachte einige Tage auf der Intensivstation. Dann kam der 4. Dezember 2011: Sócrates Brasileiro Sampaio de Souza Vieira de Oliveira, wie er bürgerlich hieß, schloss zum letzten Mal und für immer die Augen. Der einstige Revolutionsführer starb in São Paulo. An jenem Tag, als seine große Liebe Corinthians wenige Stunden nach seinem Tod die 5. Meisterschaft klarmachte – und das ausgerechnet gegen den Stadtrivalen Palmeiras. Vor Anpfiff gedachten alle Beteiligten der Corinthians-Legende und streckten in Nachahmung von Sócrates‘ Geste die Fäuste in die Luft. Sócrates war es zusammen mit seinem Verein Corinthians gelungen einen utopischen Mikrokosmos zu schaffen – inmitten einer Militärdiktatur.