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Los Niños del Habana – Die ersten spanischen Fußballspieler in England

Nach dem verheerenden Bombardement Guernicas durch die deutsche Luftwaffe im Jahr 1937, wuchs im nicht weit entfernten Bilbao die Angst ebenfalls Ziel eines solchen Angriffs zu werden. Aus diesem Grund verließ am 20.5.1937 ein Boot voller Kinder den Hafen der Stadt in Richtung Southampton. Unter ihnen befanden sich die ersten spanischen Fußballer, die einmal in England spielen sollten.

Das Baskenland mit seiner Hauptstadt Bilbao leistete im spanischen Bürgerkrieg, genauso wie Katalonien, lange Widerstand gegen Franco’s Truppen. Doch während dieser Unterstützung von Hitler’s Legion Condor erhielt, bekamen die Anhänger der Republik kaum Hilfe aus dem Ausland, und waren zudem untereinander schlecht organisiert. Das Bombardement Guernicas, das durch Pablo Picasso‘s Gemälde traurige Berühmtheit erlangt hat, stellte einen Wendepunkt des Krieges dar, der sich von da an endgültig zu Franco’s Gunsten entwickelte. Vor allem das bisher unbekannte Ausmaß des deutschen Fliegerangriffs, machte den Menschen in der Region Angst, und brachte sie dazu ihre Kinder ohne Begleitung, Hals über Kopf ins Ausland zu schicken. Insgesamt wurden ca. 30.000 Kinder während dem spanischen Bürgerkrieg ins Ausland evakuiert, davon ca. 4.000 nach England. Dabei hatte man im Königreich zuerst überhaupt keine Kinder aufnehmen wollen, lockerte diese Haltung jedoch nach dem Guernica-Angriff. Mit dem Ergebnis, dass am 20. Mai 1937 die für 400 Personen ausgelegte Habana, mit 4.000 Kindern an Bord in Bilbao mit dem Ziel Southampton auslief, und dabei von zahlreichen baskischen Fischerbooten begleitet wurde, um sie vor U-Boot-Angriffen zu schützen.

Ankunft im Königreich

Das Königreich hatte zwar zugestimmt, dass die Kinder kommen dürften, aber auch deutlich gemacht, dass diese nicht auf Staatskosten versorgt werden würden. Die Organisation die sich der Kinder annahm, war das neugegründete „Basque Children‘s Comittee“, dass es tatsächlich schaffte genügend Spenden für die Versorgung der Kinder zu sammeln. Das Kinderkomitee erbat 1 Penny/Woche als Spende in der Stadt. Die Kinder wussten ursprünglich gar nicht wo sie hinfahren würden. Nach einer Ankunftsuntersuchung wurden sie im ganzen Land verteilt, wobei viele im Raum Southampton blieben, wo sie sehr herzlich aufgenommen wurden. Anfangs waren sie in Zelten untergebracht, und die Kinder sammelten durch Aktivitäten und Aufführungen selbst Spenden. Vermutlich bekamen die Einwohner der englischen Hafenstadt zum ersten Mal in ihrem Leben baskische und andalusische Volkstänze zu sehen. Und natürlich wurde auch Fußball gespielt, und es fielen schnell zwei auf, die „ziemlich brillant waren“. Die Rede ist von Sabino Barinaga und Raimundo Lezama, die beide in die Jugendmannschaft vom FC Southampton kamen. Torwart Lezama wurde sogar von einem Vereinsverantwortlichen, der gleichzeitig RAF-Pilot war, bei sich zu Hause aufgenommen. Einige Zeit später, in der 2. Mannschaft der Saints ragten beide hinaus, Barinaga machte Tore (43 Tore in 12 Spielen), der Lezama hielt das eigene sauber.

Doch das Schicksal nahm mit dem Ausbruch des 2. Weltkriegs eine weitere Wendung, denn jetzt wo in Spanien nicht mehr gekämpft wurde, begann die deutsche Luftwaffe Southampton zu bombardieren; zwischen dem Ende des Spanischen Bürgerkriegs und dem Ausbruch des 2. Weltkriegs lagen nur vier Monate. Deshalb wurden die meisten Kinder, unter ihnen Barinaga und Lezama, wieder zurück in die spanische Heimat geschickt, in der zwar viele Hunger litten, selbst Brot war rationiert, man jedoch keine Luftangriffe mehr fürchten musste. Ungefähr 400 Kinder wurden nicht zurückgefordert, blieben in England, und mussten sich selbst durchschlagen. Einer von ihnen war Emilio Aldecoa, der einige Jahre später, nach Ende des 2. Weltkriegs, tatsächlich der erste spanische Profispieler in England wurde. Bis es soweit kommen sollte, arbeitete er als Elektriker in Stafford, wo er nebenbei in der Betriebsmannschaft Fußball spielte. Während Aldecoa sich noch gedulden musste, brachten die Heimkehrer ihre Karrieren in Schwung.

Spanien: Raimundo Lezama (1922 – 2007) und Sabino Barinaga (1922 – 1988) 

Trotz der vielen Zerstörungen und der leidenden Bevölkerung wurde in Spanien der Fußballbetrieb relativ schnell wiederaufgenommen, was sich für die beiden ehemaligen Saints als Glücksfall erwies. Lezama absolvierte kurz nach seiner Rückkehr ein Probetraining bei Arenas Club de Guecho/Getxo, welches der Präsident nach zehn Minuten unterbrach, und ihm mitteilte, dass er verpflichtet sei. Jedoch blieb er nicht lange dort, da schon bald Athletic Bilbao auf ihn aufmerksam wurde, und er dorthin wechselte. Bei dem baskischen Traditionsverein legte Lezama eine große Karriere hin, und er gewann sechsmal den Pokal sowie zwei Meisterschaften mit den Leones (Löwen). Außerdem war er der erste Torhüter der in Spanien den Ball aus der Hand abschlug. Dies hatte er in England gelernt, und verblüffte damit die Fans in der Heimat, denn die spanischen Torhüter legten den Ball zum Abstoß immer auf den Boden. Die Fans liebten ihn auch wegen seiner extravaganten, riskanten Spielweise, da er ebenfalls der erste war, der in Manuel Neuer-Manier aus dem Sechzehner herausging. Diese für damals einzigartigen und tollkühnen Aktionen wurden von den Fans nach ihm benannt, und hießen “Lezamadas”.

https://orgulloathleticzale.wordpress.com/2013/05/30/un-poco-de-historia-raimundo-perez-lezama/

Sein ehemaliger Mitspieler Sabin Barinaga sollte eine noch erfolgreichere Karriere hinlegen. Er wurde von Real Madrid nach einem zweitägigen Probetraining mit 60.000 Peseten und 600 Peseten Monatsgehalt zur Unterschrift überredet. Von diesem Gehalt konnte er leicht die ganze Familie ernähren, deren Haus im Bürgerkrieg zerstört worden war. Sein berühmtestes Tor erzielte er beim 3:1 Sieg gegen Belenenses Lissabon, denn es war das erste Tor, dass jemals im Santiago Bernabéu erzielt wurde (14.12.1947). Außerdem gelangen ihm einst in einem Pokalspiel gegen den FC Barcelona vier Tore in nur dreizehn Minuten. Sein Spitzname war „El inglés de Durango“ (der Engländer aus Durango). Nach seiner Spielerkarriere arbeitete er als Trainer, und coachte unter anderem die Nationalteams von Nigeria und Marokko.

England – Emilio Aldecoa (30.11.1922 – 04.09.1999)

Während des 2. Weltkriegs wurde die englische Liga regionalisiert, da weite Reisen zu gefährlich waren, und es wurde nur noch samstags, und ohne Flutlicht gespielt. Außerdem waren viele Spieler eingezogen worden, sodass die Vereine nach Ersatzspielern suchten. Dieser Umstand eröffnete die Chance für Aldecoa, der zu diesem Zeitpunkt weiter in seiner Betriebsmannschaft (English Electric) spielte, aber eines Tages von den Wolverhampton Wanderers zu einem Probetraining eingeladen wurde, wo er überzeugte und 1943 einen Zweijahresvertrag erhielt. Das erste Spiel des 20-jährigen war gegen Crewe Alexandra, welches ihn zum ersten Spanier machte, der in England professionell Fußball spielte. In seiner ersten Spielzeit erzielte er 11 Tore in 30 Spielen und war Top-Torschütze der Mannschaft. Nach den zwei Jahren wechselte der Spanier berufsbedingt weiter zu Coventry City. Dort spielte mit José Bilbao noch ein weiterer Spanier von der Habana bei Coventry, der es aber nur auf wenige Einsätze brachte. Aldecoa steuerte bei seinem Debüt in der 1. Mannschaft gegen den F.C. Portsmouth gleich einen Treffer zum 3:1 Sieg bei. Als der Spielbetrieb im Mutterland des Fußballs 1947/47 wieder aufgenommen wurde, traten die Sky Blues (die Himmelblauen) in der 2. Liga an. Der Lohn lag zu dieser Zeit noch nicht bei 150.000 Pfund/Woche, sondern zwischen 8 und 10 Pfund pro Woche. Im Sommer, wegen der Pause, sogar nur bei 5-6 Pfund, sodass sich die Spieler Nebenjobs suchen mussten. Nach Coventry verwirklichte sich Aldecoa den Traum, den die meisten baskischen Kinder haben, und er verließ seine Wahlheimat wo die Zuschauer ins Stadion kamen um die Grätschen zu bewundern, und wechselte zu Athletic Bilbao.

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Die damalige Athletic Mannschaft war jedoch so eingespielt und erfolgreich, dass er kaum zum Zuge kam, und deshalb enttäuscht nach Valladolid weiterzog. Mit Valladolid erreichte er das Pokalfinale gegen Atlético, das aber nach Verlängerung verloren ging. Aber er sollte noch genügend Titel sammeln dürfen, denn er wechselte anschließend für 600.000 Peseten zum FC Barcelona. Mit den Katalanen gewann „el inglés“ (der Engländer) zwei Meisterschaften und drei Pokale. Und in einer Saison traf der schnelle Stürmer mit dem starken linken Fuß in einem Pokalhalbfinale auf Athletic Bilbao, und erzielte zwei Treffer im San Mamés.

Spanische Dokumentation: