Rosario
By Revista El Gráfico, via Wikimedia Commons

Rosario Central: “La Palomita de Poy” – Das meistgefeierte Tor der Geschichte

Unter Palomita de Poy ist das entscheidende Tor von Aldo Pedro Poy in einem Derby zwischen Rosario Central und den Newell’s Old Boys bekannt. Das Spiel fand am 19. Dezember 1971 im Estadio Monumental in Buenos Aires statt und war ein Halbfinale um die argentinische Meisterschaft.

Die beiden Lokalrivalen – mit den Spitznamen Canallas (Central – Gesindel) und Leprosos (Newell’s – Leprakranke) – trafen zum ersten Mal in einem Entscheidungsspiel der neugegründeten Liga aufeinander. Zu dieser Zeit bestand die 1. Liga aus zwei Gruppen à 14 Teams, wovon sich die beiden ersten aus jeder Gruppe für das Halbfinale qualifizierten.

In dem durchschnittlichen, aber umkämpften Spiel stand es zur Halbzeit 0:0, und es lief die 54. Minute, als der Central Außenverteidiger José González scharf von rechts nach innen flankte. Dort setzte sich Aldo Poy gegen den Newell’s Verteidiger De Rienzo durch, und erzielte per Flugkopfball (Palomita) ins rechte untere Ecke das 1:0 Siegtor. Mit diesem Sieg qualifizierte sich Central für das Finale, das drei Tage später stattfand, und holte sich den Meistertitel durch einen 2:1 Sieg gegen San Lorenzo. Jedoch feiert man heute nicht die Meisterschaft, sondern den Sieg im Clásico Rosarino und Poy’s Tor.

Teil 1 – Mythos

Weshalb sich genau dieses Tor für alle Fans von Central in einen Feiertag verwandelte, kann nicht zu 100% erklärt werden. Zu den Gründen gehören vermutlich, dass es das erste Halbfinale der neuen Liga war, dass man als Außenseiter in das Derby ging und dass es ein schönes Tor war. Zusätzlich trug dazu bei, dass Aldo Poy wegen seiner Vereinstreue sehr beliebt war. Einmal sollte er verkauft werden, doch um dem zu entgehen soll er sich eine Woche auf den Inseln des Río Paraná vor Rosario versteckt haben, bis das Angebot zurückgezogen wurde. Das Tor hat einen solchen Stellenwert bei den Fans der auriazules, dass jeder erzählen kann, wie und wo er das Tor miterlebt hat.

Das meistgefeierte Tor der Geschichte – Feiern und Anekdoten

(1) Das Tor wird jedes Jahr am 19. Dezember, dem Tag des Spiels, nachgestellt und bejubelt, als ob es gerade zum ersten Mal gefallen wäre. Teilweise übernimmt sogar Aldo Poy wieder selbst die Aufgabe. Und jedes Jahr hoffen die Fans – bisher erfolglos – dass das Guinness-Buch der Rekorde das Tor als „das meistgefeierte Tor der Geschichte aufnimmt“. Der Ort der offiziellen Feier wechselt jedes Jahr, und war auch schon im Ausland, u.a. in Chile, Uruguay oder Kuba. Bei der Zelebration in Kuba war es kein geringerer als Ernesto Guevara, der Sohn von Che Guevara – der großer Central Fan war und in Rosario geboren wurde – der mit Poy zusammen das Tor nachstellte.

(2) Die wahrscheinlich skurrilste Geschichte im Zusammenhang mit der Palomita ist, dass die Fanvereinigung Central’s (O.C.A.L.) den Blinddarm des Gegenspielers von Poy, De Rienzo, – der den Ball mit dem Bauch streifte, bevor dieser ins Tor ging – aufhebt. Denn zufälligerweise musste De Rienzo am Tag nach dem Finale der Blinddarm entnommen werden, und der Chirurg übergab ihn in einem Glas an die O.C.A.L.

(3) Bei der Feier 1997 wurde das Tor in einem Restaurant in Rosario gefeiert, bei der 1500 Fans anwesend waren, und jeder eine Maske mit dem Konterfei von Poy trug. Wer keine hatte, wurde nicht eingelassen.

(4) Angeblich gab es auch einen Biochemiker, der behauptete eine Blutprobe des Helden zu besitzen, die er sich am 19. Dezember spritzen wollte.

(5) Die Anekdoten sind zahlreich, und von unterschiedlicher Glaubwürdigkeit, doch stärken sie nur den Mythos. Um bei den Nachfeiern dabei zu sein, reisen die Fans teilweise tausende Kilometer für diese Absurdität an. Und wenn die Canallas es nicht mehr bis zum 19. Dezember aushalten, stellen sie das Tor an den unterschiedlichsten Orten einfach selber nach und jubeln ausgelassen.

Teil 2 – Fußballliteratur – 19 de diciembre de 1971 von Roberto Fontanarrosa

19 de diciembre 1971 ist eine fiktive Erzählung des bekannten argentinischen Humoristen, Autors und Central-Anhänger, Roberto Fontanarrosa, mit der noch heute in Rosario jedes Kind aufwächst. Die Erzählung ist um das reale Ereignis, dem 1:0 Sieg, aufgebaut, und handelt von einer Gruppe von Freunden, die alles versuchen damit das Spiel unter positiven Vorzeichen für Central angepfiffen wird. Dabei beschreibt er auf humoristische Art, welche wichtige Rolle der Fußball im Leben der Jugendlichen spielt und wie die Stimmung vor dem Spiel in der Stadt hochkocht. Es ist ein Spiel das man nicht verpassen darf, und für das man die „eigene Mutter oder Kennedy getötet hätte“, um dabei zu sein.

Die Newell’s Old Boys, die im weiteren Verlauf nur als Leprakranke bezeichnet werden, gingen damals favorisiert ins Spiel, und die Jungen haben riesige Angst vor der Niederlage und der anschließenden Schmach. Doch keiner will das Wort Niederlage aussprechen, „genauso wie man nicht das Wort Krebs in den Mund nimmt, sondern irgendetwas anderes schlechtes sagt“.

Rosario Central ist für die Freundesgruppe wie ein „krankes Familienmitglied, für das man alles macht, für das man sogar in die Kirche geht“. Damit auch ja nichts schief geht am Spieltag versuchen die abergläubischen Jungs alle Glücksbringer zu vereinen. So wählen sie unter anderem das Auto zur Fahrt aus, mit dem sie schon einmal zu einem siegreichen Auswärtsspiel bei Estudiantes de la Plata gefahren sind, und eine besondere Mütze wird mitgenommen, mit der man die letzten Spiele alle gewann. Zudem trägt einer von ihnen seine Uhr am linken Handgelenk statt am Rechten, da er in irgendeinem Spiel die Uhr bei Halbzeitrückstand gewechselt hatte, und man danach noch ein Unentschieden holte. Und sie führen eine 30-minütige Diskussion darüber, in welcher Formation sie im Block stehen müssen.

Doch dann erinnern sie sich noch an den Vater eines ehemaligen Freundes, „el Viejo Casale“ (der Alte Casale), der angeblich noch nie eine Niederlage von Central gegen Newell‘s im Stadion erlebt hat. Alle Niederlagen hatte er durch Zufall verpasst. Daher ist klar, dass der Mann als Talisman mitkommen muss. Aber zum Entsetzen aller will der Alte gar nicht mit, sich das Spiel nicht mal im Radio anhören. Außerdem hatte ihm sein Arzt, nach einem früheren Herzinfarkt, verboten ins Stadion zu gehen. Aus diesem Grund fassen die Freunde den Entschluss den Alten zu entführen und mit zum Spiel zu nehmen, „da sie die Verantwortung für tausende Leute tragen, die die Konsequenzen einer Niederlage gespürt hätten“, und „Ärzte, die Leute nur am Leben lassen wollen um mehr Geld zu verdienen“. Der Organisator der Entführung ist “el Colorado“, der aus der O.C.A.L. (dem „Ku-Klux-Clan von Central“) – dessen Motto es ist Newell’s mehr zu hassen als Central zu lieben – hinausgeworfen wurde, weil er zu fanatisch war. Schlussendlich gelingt die Aktion und alle befinden sich im Stadion …

Endfragment aus „19 de diciembre de 1971“ 

Diese Freude im Gesicht des Alten, diese ausgelassene Freude im Gesicht des Alten! Wenn ihn einer gesehen hätte, so wie ich ihn sah, wie er weinte vor Freude und dabei alle umarmte. Ich kann versichern, dass dieser Tag mit Abstand, mit großem Abstand der schönste Tag in seinem Leben war. Die Freude, die der Alte ausstrahlte war etwas Beeindruckendes. Und als wir sahen, wie er vom Blitz getroffen zu Boden sinken sah, und sofort tot war, dachten wir alle ein bisschen: “Was macht das schon, was will er mehr als so zu sterben! Das ist die Art wie jeder Canalla sterben will! Für was hätte er weiterleben wollen? Um noch zwei oder drei ärmliche Jahre weiterzuleben, unter den Umständen unter denen er lebte, in einer Wohnung kaum größer als einem Kleiderschrank, um von der Ehefrau und der ganzen Familie wie der letzte Dreck behandelt zu werden? Da ist es mehr Wert so zu sterben, Bruder! Er starb springend, glücklich, umarmte alle, an der frischen Luft, mit der Freude die Leprakranken ein für alle Mal besiegt zu haben! So müsste man sterben, dafür beneide ich ihn sogar, ich schwöre es dir Bruder, ich beneide ihn! Wenn man sich die Art zu sterben aussuchen könnte, würde ich diese wählen Bruder! Ich würde diese wählen …“

Vorgelesene Erzählung:

Der Text der Erzählung ist hier zu finden.