Rückkehr nach Boedo
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San Lorenzo – Die Rückkehr nach Boedo

Am 2. Dezember 1979 trug San Lorenzo sein letztes Spiel im Viejo Gasómetro aus, nachdem die regierende Militärdiktatur die Enteignung des Stadions veranlasst hatte. Der Verein verlor nicht nur seine Heimat, sondern stand darüber hinaus noch vor der Schmach seine Spiele in den Stadien seiner Rivalen austragen zu müssen. Doch 37 Jahre später stehen die Cuervos kurz vor der Erfüllung ihres langersehnten Traumes: Der Rückkehr nach Boedo.

Boedo der Ort wo alles begann

Club Atlético San Lorenzo de Almagro wurde im Jahr 1908 von einer Gruppe junger Männer gegründet. Diese spielten zu Beginn, mangels eines eigenen Platzes, notgedrungen auf der Straße, wo sie eines Tages der Priester Lorenzo Bartolomé Masse sah. Um die Jugendlichen von der gefährlichen Straße herunterzuholen bot er ihnen an im Innenhof seiner Kirche dem Leder nachzujagen, wenn sie dafür sonntags zur Messe kämen. Die Kumpels nahmen sein Angebot an, und aus Verbundenheit gegenüber dem Pater wurde bei der Vereinsgründung „San Lorenzo“ in den Vereinsnamen aufgenommen. Im Jahr 1916 wurde mit dem Bau des Stadions an der Avenida de La Plata 1700 im Stadtteil Boedo begonnen, wobei es einfach nur Gasómetro (Gasometer) genannt wurde, da seine Form an die großen Gasbehälter der damaligen Zeit erinnerte. Das Stadion wurde anschließend Schritt für Schritt vergrößert, und später aufgrund seiner Kapazität zur Heimspielstätte der Albiceleste. Aus diesem Grund erhielt es zusätzlich den Spitznamen Wembley porteño (Wembleystadion Buenos Aires).

Enteignung und Abstieg

Obwohl San Lorenzo einer der sogenannten Fünf Großen (Cinco Grandes) des argentinischen Fußballs ist, bewahrte dieser Status den Verein nicht davor sein Stadion zu verlieren. Während die Militärdiktatur für die WM 1978 extra noch neue Stadien gebaut hatte, zwang sie El Ciclón im Rahmen eines Infrastrukturprojektes seine Heimstätte zu verlassen. Die Regierung plante ein innerstädtisches mautpflichtiges Autobahnnetz zu bauen, und benötigte dafür zahlreiche Grundstücke, darunter die Avenida de La Plata 1700. Logischerweise weigerte sich der Klub anfangs seine Heimat aufzugeben, womit man sich den Zorn des Gouverneurs von Buenos Aires, dem Brigadier der Luftwaffe Osvaldo Andrés Cacciatore, zuzog. Daraufhin begann dieser die Klubverantwortlichen unter Druck zu setzen, und drohte angeblich sogar der Familie des damaligen Präsidenten Bonina, sowie damit das Stadion mit Bulldozern einreißen zu lassen. Der zunehmende Druck sowie eine hohe Schuldenlast ließen die Verantwortlichen schließlich einknicken, sodass am 2. Dezember 1979 das letzte Spiel in der Geschichte des (Viejo) Gasómetro stattfand, ohne dass dies den anwesenden Fans zu diesem Zeitpunkt bekannt war. San Lorenzo erhielt einige Jahre später ca. 900.000 Pesos Entschädigung für das Gelände, was sich als weit unter Wert herausstellen sollte. Als wäre die Enteignung nicht schon schlimm genug gewesen, stieg man zu allem Überfluss im Jahr 1981 als erster der fünf Großen in die 2. Liga ab, und stand vor dem Nichts.

https://es.wikipedia.org/wiki/Estadio_El_Gas%C3%B3metro#/media/File:VIEJO_GAS%C3%93METRO1212.jpg

2. Liga der Rekorde

Ohne Zuhause startete man in die erste Zweitligasaison der Geschichte, und war gleichzeitig dem Spott der anderen Vereine der Stadt ausgesetzt, in deren Stadien man von nun an Untermieter war. Im Laufe der Jahre spielte man unter anderem in den Stadien von Huracán, Vélez, Deportivo Español, sowie in la Bombonera (Boca) und im Monumental (River). Nichtsdestotrotz ließen sich die Anhänger San Lorenzos nicht unterkriegen und „verwandelten das Unglück in eine große Feier“. Die Cuervos verkauften in der 2. Liga mehr Eintrittskarten als jeder Erstligist. In den 42 Spielen im Jahr 1982 kamen im Schnitt 25.361 Zuschauer pro Spiel, bei Boca Juniors dem Spitzenreiter der 1. Liga waren es dagegen nur deren 16.520. Außerdem stellte man den argentinischen Zuschauerrekord für ein Zweitligaspiel auf, als ungefähr 74.000 Fans im Monumental das Spiel gegen Tigre verfolgten. Nur beim WM-Spiel 1978 zwischen Argentinien und Holland soll es noch voller gewesen sein. Das (Viejo) Gasómetro wurde letztendlich 1983 abgerissen, die geplante Stadtautobahn jedoch nie gebaut. Stattdessen wurde das Gelände kurz vor Ende der Militärdiktatur für acht Millionen US-Dollar an Carrefour verkauft, dass darauf seinen ersten Supermarkt in Argentinien errichtete. Kurz zuvor waren noch die Bebauungsbestimmungen geändert worden, nach denen es verboten war auf dem Gelände einen Supermarkt zu errichten. Das Vagabundieren von Stadion zu Stadion sollte insgesamt 14 Jahre dauern, denn erst am 16. Dezember 1993 wurde das Nuevo Gasómetro im Stadtteil Bajo Flores, zu dem der Verein keinerlei Bezug hat, fertiggestellt. Dort fühlte man sich nie richtig zu Hause, und der Wunsch an die Avenida de La Plata zurückzukehren, wurde in Person von Adolfo Res wieder an die Öffentlichkeit getragen.

Adolfo Res und die Subccomisión del Hincha

Adolfo Res ist ein Verrückter und Träumer, sowie großer Fan und Historiker des Vereins. Er sagte über San Lorenzo: „Es ist in unserem Herzen, es ist immer da, es gibt kein Tag im Leben, an dem wir San Lorenzo vergessen”, und erzählte, dass er während des Falkland-Krieges immer sein San Lorenzo Trikot unter seiner Uniform trug. Er wird gemeinhin als Vater der Rückkehr nach Boedo (Vuelta a Boedo) betrachtet. 1998 fasste er zusammen mit seinem Bruder den Plan wieder das Gelände an der Avenida de La Plata 1700 zurückzugewinnen. Zu Beginn hielten die beiden Reden in Cafés und Kulturzentren in Boedo, und starteten 2003 ein Radioprogramm über die Geschichte des Vereins, in dem zwangsläufig auch über die Enteignung des Viejo Gasómetros gesprochen wurde. Nach und nach wuchs die Bewegung und zahlreiche Fanclubs schlossen sich der Forderung der Brüder an. Der nächste große Schritt wurde 2005 getätigt, als man die Subcomisión del Hincha (Fanvereinigung) gründete, und von da an die Rückkehr an den Ursprungsort organisiert vorantrieb. Endgültig Fahrt nahm die Bewegung dann mit dem Erlass des Gesetzes der Restitución histórica auf.

Fahrplan der Rückkehr

Im Jahr 2010 wurde das Gesetz der Restitución histórica verabschiedet, demnach während der Militärdiktatur enteignete Grundstücke, gegen Bezahlung wieder von den ursprünglichen Eigentümern zurückgekauft werden konnten. Die Lokalpolitikern Laura García Tuñon schloss sich dem Projekt an, und von nun an galt es das Parlament von Buenos Aires davon zu überzeugen, dass auch die Avenida de La Plata unter dieses Gesetz fallen müsse. Bei der ersten Abstimmung erhielt man jedoch keine einzige Stimme. Trotzdem war der Funke der Hoffnung entzündet, und es entwickelte sich eine Bewegung die größer werden sollte als so manche politische Bewegung. Im Jahr 2011 marschierten einmal 15.000 und einmal 35.000 Fans zum Parlament um ihre Unterstützung für das Projekt auszudrücken. Doch der Höhepunkt war der Marsch des 8. März im Jahr 2012 (Marcha del 8 de Marzo), als sich zwischen 75.000 und 100.000 Personen von Boedo aus in einer gigantischen Karawane zum Plaza de Mayo vor dem Casa Rosada (Haus des argentinischen Präsidenten) in der Innenstadt aufmachten, um für ihre Sache zu demonstrieren. Der nächste Höhepunkt war der 15. November 2012, als die Restitución histórica im Parlament mit 49:0 Stimmen, unter Anwesenheit hunderter Fans,  angenommen wurde, und Carrefour somit verpflichtet war das Gelände an San Lorenzo zurückzuverkaufen. Ab jetzt handelte sich die Rückkehr nur noch um eine finanzielle Frage.

Adolfo Res:

„Wir lebten zwei Jahre praktisch im Parlament, als ob es unsere Arbeit gewesen wäre… wir klopften an Bürotüren, führten Gespräche, versuchten zu überzeugen. Wir machten Fortschritte, aber die Massendemonstrationen die mit 2.500 Personen anfingen und bei über 100.000 aufhörten, waren entscheidend. Die geleistete Arbeit gemeinsam mit den Märschen machten es möglich, dass am 15. November das Gesetz einstimmig angenommen wurde.“

Adolfo Res:

“Vivimos durante dos años prácticamente adentro de la Legislatura, como si fuera un trabajo más… golpeando despachos, hablando, tratando de convencer. Fuimos avanzando y las manifestaciones populares, que arrancaron en 2500 personas y terminaron siendo de más de 100 mil, fueron claves. El trabajo sumado a las marchas permitieron que el 15 de noviembre se sancione la ley votada por unanimidad.”

 

Nur wenige Tage später einigte man sich mit Carrefour auf einen Rückkaufpreis von 150 Mio. Pesos für die 27.525 m², was mit einer emotionalen Spontandemonstration vor dem Supermarkt gefeiert wurde. Um die letzte Rate an Carrefour ohne Kredit aufbringen zu können, startete der Verein eine Aktion bei der die Fans symbolisch einen Quadratmeter für 2.880 Pesos kaufen konnten, um diesen anschließend dem Verein zu überlassen. Die Aktion wurde ein großer Erfolg, an der sich Fans aus aller Welt und sogar von anderen Vereinen beteiligten. Am 31.03.2017 wurde schließlich die letzte Rate an den französischen Konzern überwiesen, und seitdem ist man mit der Planung und Finanzierung des neuen Stadions, des Estadio Papa Francisco, beschäftigt.

Estadio Papa Francisco – „El Tango hecho realidad“

Die neue Arena soll Estadio Papa Francisco heißen, da der argentinische Papst großer Fußballfan und noch größerer San Lorenzo Fan ist. Ein Tag nach dem langersehnten ersten Sieg in der Copa Libertadores der Vereinsgeschichte im Jahr 2014, flog die Mannschaft direkt nach Rom, um dem Kirchenoberhaupt die Trophäe zu präsentieren, und ihm eine Kopie zu übergeben. Das Fassungsvermögen des neuen Stadions, das 2019 oder 2020 eröffnet werden soll ist noch nicht endgültig geklärt. Mit Sicherheit ist es aber eine grandiose Geschichte mit glücklichem Ausgang, die ein Fan zurecht als „der wahrgewordener Tango“ bezeichnete.

Dokumentation auf Englisch: