Neymar
Flickr / Ben Tavener

Revanche für Mineirazo? – Brasilien will den Titel und bangt um Neymar

Das Wort Revanche kommt in brasilianischen Medien häufig vor, aber seine Bedeutung könnte nicht unterschiedlicher sein als der ursprüngliche französische Begriff: eine Politik oder eine Bewegung, die darauf abzielt, das verlorene Territorium einer Nation wiederherzustellen. Auf Portugiesisch wurde es zu einem überstrapazierten Ausdruck für Rache. Und es erscheint unvermeidlich mit einem möglichen Wiedersehen von Brasiliens Nationalmannschaft mit Deutschland bei der Weltmeisterschaft in Russland.

Vor vier Jahren, als die Partie gegen WM-Gastgeber Brasilien auf dem Programm stand, sind Bastian Schweinsteiger, Toni Kroos oder Philipp Lahm noch nicht sofort aus den Umkleidekabinen in Mineiro gekommen, weil sie den Mannen gedachten, die 2002 im Worldcup-Finale von Ronaldo, Rivaldo & Co. in Yokohama mit 0: 2 bezwungen wurden. Tatsächlich war das Scheitern der Generation von Oliver Kahn, Dietmar Hamann und Jens Jeremies gegen Brasilien ein Glücksfall für den deutschen Fußball, als es die Restrukturierung anregte, die zwölf Jahre später einen 7:1-Sieg über Brasilien und die spätere Krönung des Teams von Joachim Löw in Rio de Janeiro zum Weltmeister ermöglichte.

Brasilien sollte sich an der deutschen Elf ein Beispiel nehmen und das Scheitern gegen die deutsche Elf mehr als Signal für Veränderung sehen. Und das scheinen sie in der Tat getan zu haben, denn zuletzt konnte die neuformierte brasilianische Mannschaft in einem Freundschaftsspiel in Berlin den noch amtierenden Weltmeister mit 1:0 bezwingen. Die Brasilianer waren das bessere Team und siegten dank eines Tores von Jesus Gabriel.

Nur fünf “Überlebende” aus dem Mineirazo

Es ist wichtig den Kontext des Sieges zu verstehen und das trotz der Tatsache, dass es sich in Anführungszeichen nur um ein Freundschaftsspiel handelte. Die Seleção spielte dominant, zugegebenermaßen ohne Neymar, aber mit einem ganz anderen Gesicht als noch vor vier Jahren. Sie waren trotz eines gewissen Druckes von Anfang an das dominantere Team und lieferten am Ende ab.

Im Aufgebot von Nationaltrainer Tite waren Dani Alves, Marcelo, Fernandinho, Willian und Paulinho die einzigen „Überlebenden“ des Mineirazo, wie die Schmach im eigenen Land in der brasilianischen Presse genannt wird. Der ehemalige Kapitän Thiago Silva war Teil der 23, aber sah die berüchtigte Niederlage aufgrund einer gelben Karte von der Bank.

Ob nun Freundschaftsspiel oder ein Duell im internationalen Wettbewerb, ein bisschen Rache schwingt wohl immer mit. Schließlich lässt sich das 7:1 nicht so leicht aus dem Gedächtnis streichen. In jedem Fall aber sorgt ein Aufeinandertreffen zwischen Brasilien und Deutschland nicht nur wegen seiner Klasse, sondern auch wegen seiner Seltenheit immer für Spannung.

Bisher nur drei Aufeinandertreffen bei Weltmeisterschaften

Beide Teams trafen bei Weltmeisterschaften bislang nur dreimal aufeinander, lässt man den 1:0-Sieg der Seleção über Ostdeutschland im Jahr 1974 außen vor. Darüber hinaus gab es bislang 21 Freundschaftsspiele mit 12 brasilianischen und vier deutschen Siegen.

In Russland sind beide Teams die wohl heißesten Anwärter auf den Titel. Doch gerade aus deutscher Sicht gibt es noch einige Fragezeichen. Wird Manuel Neuer rechtzeitig fit? Ist Jonas Hector auf der Linksverteidigerposition gut genug? Und verfügt das Team über Stürmer, die auch in engen Spielen den Unterschied ausmachen können?

Wird Neymar rechtzeitig fit?

Doch auch die Brasilianer sind nicht ohne Sorgen. Neymar laboriert nach wie vor an einer Verletzung und es steht noch nicht fest, ob der Megastar für das Turnier rechtzeitig fit wird. Selbst die optimistischsten Prognosen deuteten bis vor kurzem noch darauf hin, dass die verletzte Nr. 10 erst wenige Wochen vor dem ersten Spiel der Brasilianer gegen die Schweiz am 17. Juni verfügbar sein wird und die Gruppenphase daher wohl komplett verpassen wird. Zwischenzeitlich schien die Rehabilitation des Angreifers schneller voranzuschreiten als zunächst angenommen. Unay Emery, Neymars Trainer bei Paris St. Germain gab jüngst bekannt, dass sein Star bereits in zwei bis drei Wochen wieder mit der Mannschaft trainieren würde. Nun aber ist klar, Brasiliens Talisman wird länger ausfallen. Der Spieler selbst sagte im Gespräch mit dem brasilianischen TV-Sender „Globo TV“, dass er mindestens noch einen weiteren Monat bis zu seiner Rückkehr brauche. Die Zweifel an der WM-Teilnahme des Offensivspielers erhalten damit neue Nahrung.

Noch aber sind es knapp zwei Monate bis zur WM. Dann erst wird sich zeigen, wie gut die Favoriten wirklich sind. Und da der Erfolg bekanntlich nicht nur vom Einzelnen abhängt, wird sich wohl auch bei dieser WM das Team mit dem besten Kollektiv durchsetzen. Neymar hin oder her.