Kolumbien
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WM-Vorschau Kolumbien: Wird Cardonas Nichtnominierung zum Verhängnis?

Bei der WM 2014 sorgte Kolumbien für Furore. Die “Cafeteros” zogen bis in das Viertelfinale ein, wo sie denkbar knapp an Gastgeber Brasilien scheiterten. Auch in diesem Jahr erhoffen sich die 48 Millionen Einwohner eine ähnliche Leistung, denn im Vergleich zu 2014 fand im Team nur ein kleiner Umbruch statt. Einige frühere Leistungsträger sind inzwischen zwar nicht mehr in der Nationalmannschaft, doch die großen Stars sind nach wie vor in dem Team, das Jose Pekerman zum zweiten Mal nacheinander zu einer Weltmeisterschaft geführt hat.

Der Weg nach Brasilien

Der Weg zur sechsten WM-Teilnahme war allerdings steinig, und die Qualifikation konnte erst am letzten Spieltag der Eliminatorias gesichert werden . Ein zum Ende hin “skandalöses” 1:1 in Peru, das auch “Pakt von Lima” genannt wird, bedeutete letzten Endes den vierten Tabellenplatz in der südamerikanischen Qualifikations-Gruppe. “Pakt von Lima” daher, da das 1:1 aufgrund der Ergebnisse auf den anderen Plätzen beiden Teams half (Peru zum Playoff-Platz), und in den letzten Minuten kein Team mehr darauf aus war ein Tor zu erzielen.

Vor allem dank der Siege gegen die vermeintlich direkten Konkurrenten stand am Ende die Qualifikation fest, denn das Team um Superstar James Rodriguez hatte große Probleme gegen die höher eingeschätzten Gegner. Gegen Argentinien, Brasilien, Uruguay und Chile konnte man von acht Spielen kein einziges gewinnen. Auch spielerisch zeigte Kolumbien auf dem Weg nach Russland, trotz der hohen Offensiv-Qualität, eher Magerkost. Im Schnitt gelang nur knapp ein Tor pro Spiel!

Kolumbiens WM-Geschichte

In Russland tritt die Mannschaft von Jose Pekerman zur sechsten WM-Teilnahme an. Nachdem Kolumbien 1962 zum ersten Mal Teil dieses Turnieres war, dauerte es bis 1990, ehe man es wieder schaffte sich zu qualifizieren. In Italien gelang sogar der Einzug ins Achtelfinale, in dem Kamerun die Südamerikaner eliminierte. Danach war man auch 1994 und 1998 dabei, wobei man beide Male nach der Vorrunde ausschied. Vor allem das Vorrunden-Aus 1994 mit der goldenen Generation um “El Pibe” Valderrama und dem tragischen Eigentor von Andrés Escobar führten das Land in eine fußballerische Depression. Erst 16 Jahre später qualifizierte man sich wieder für die WM im Nachbarland Brasilien, wo am Ende die bisher erfolgreichste Teilnahme einer kolumbianischen Mannschaft bei einer Weltmeisterschaft feststand.

Die Mannschaft

Zehn Spieler aus dem Kader von vor vier Jahren sind auch in Russland wieder dabei. Nachdem er sich vor der letzten Weltmeisterschaft noch einen Kreuzbandriss zuzog, können die Kolumbianer diesmal auf die Dienste von Torjäger Falcao zählen. Bei Monaco fand der Knipser wieder zu alter Stärke, weshalb man sich von ihm einiges für die Weltmeisterschaft erhofft. Hinter dem 32-jährigen soll Bayern-Spieler James Rodriguez für Ideen im Offensivspiel sorgen. Jedoch fehlte es den Südamerikanern in letzter Zeit häufig an Kreativität. Neben James werden voraussichtlich Luis Muriel und Juan Cuadrado auflaufen. Die beiden offensiven Außenspieler bringen viel Tempo mit, wobei Muriel als Wackelkandidat für die Startelf gilt. Auch Jose Izquierdo wäre eine Option für die linke Außenbahn.

Auf der Doppelsechs wird mit Sicherheit Carlos Sanchez spielen. Der robuste Abräumer war auch schon in Brasilien ein wichtiger Faktor für den Viertelfinal-Einzug. Einige Experten sehen in Sanchez auch den für das Kollektiv wichtigsten Spieler Kolumbiens. Wer neben dem 32-jährigen spielt ist noch unsicher. Favorit auf den Platz neben Sanchez ist jedoch Mateus Uribe, der im Nationaldress zuletzt gute Leistungen zeigte, und sich deshalb gute Chancen auf den Platz ausrechnen kann.

Relativ neuformiert ist dagegen die Abwehrkette. Linksverteidiger Frank Fabra zog sich vor ein paar Tagen einen Kreuzbandriss zu, und für ihn wird voraussichtlich Johan Mojica ins Team rücken. Die Innenverteidigung bildet mit Davinson Sanchez und Yerry Mina ein sehr junges Duo. Beide zählen als große Innenverteidiger-Talente, wobei bei Mina noch zu sehen ist, in wie weit die fehlende Spielpraxis ein Problem sein könnte. Auf der rechten Abwehrseite hat sich mittlerweile Santiago Arias etabliert. Der beste Eredivisie-Spieler dieser Saison könnte nach der WM in eine europäische Spitzenliga wechseln. Im Tor steht wie auch vor vier Jahren David Ospina, der allerdings nur zweiter Torhüter bei Arsenal ist, und auch im Nationaldress einige Schwächen zeigte, weshalb einst gefordert wurde Franco Armani (jetzt voraussichtlich Nr.1 Argentiniens) einzubürgern.

Für viel Aufsehen sorgte die Nichtnominierung von Edwin Cardona. Der offensive Mittelfeldspieler brachte Kolumbien durch drei wichtige Tore ganze neun Punkte ein, weshalb seine Ausbootung für viel Kritik sorgte. Anstelle von Cardona entschied sich Pekerman für Juan Quintero, der bisher kein einziges Spiel in der Qualifikation bestritt.

(Motivationsnachricht kolumbianischer Journalisten für die Nationalmannschaft)

 

Der Trainer

Coach der “Cafeteros” ist seit 2012 Jose Pekerman, und mit dem Argentinier fand Kolumbien wieder in die richtige Spur zurück. Der 68-Jährige hatte zuvor bereits reichlich Erfahrung mit verschiedenen Ländern gesammelt. Seine größten Erfolge hatte er als Trainer der U-20 Argentiniens, mit der er 1995, 1997 und 2001 Weltmeister wurde. Aufgrund dieser erfolgreichen Arbeit wurde er 2004 Nationaltrainer der “Albiceleste”, gab aber nach dem Ausscheiden im Viertelfinale der WM 2006 gegen Deutschland seinen Rücktritt bekannt. Daraufhin folgten zwei Engagements in Mexiko, eher er vor sechs Jahren die kolumbianische Nationalmannschaft übernahm.

Der Schlüsselspieler

Trotz der Rückkehr von Falcao, hat sich mittlerweile ein ganz anderer Spieler in den Fokus gespielt: James Rodriguez. Dieser machte spätestens 2014 auf sich aufmerksam, als er bester Torschütze des Turniers wurde, und der seitdem eine Weltmarke geworden ist. Allerdings sind einige Einheimische  mit den Leistungen des offensiven Mittelfeldspieler seit Brasilien nicht mehr ganz so zufrieden. Zeigt Kolumbien ein schlechtes Spiel, dann trägt meist James die Hauptschuld. Trotz seinen Kritikern ist es eine Tatsache, dass der Techniker einen Riesenanteil an der kommenden WM-Teilnahme in Russland hat. An 13 Toren (von 21) war der 26-Jährige in der Qualifikation beteiligt. Man merkte dem Team auch oft an, dass offensiv die Ideen fehlen, wenn er nicht mitspielt. In Hinblick auf das anstehende Turnier hat der 80-Millionen-Mann hohe Ambitionen, und wenn es nach dem Superstar geht, hat sein Land durchaus gute Möglichkeiten ins Finale zu kommen.

Das Talent

Mit einem Durchschnittsalter von 28,4 Jahren, zählt die Mannschaft durchaus zu den Älteren. Ein besonderes Auge sollte man auf alle Fälle auf Davinson Sanchez werfen. Der 21 Jahre alte Innenverteidiger zählt zu den besten Spielern seiner Altersklasse auf dieser Position. Vor dieser Saison zahlte Tottenham Hotspurs knapp 40 Millionen Euro an Ajax Amsterdam, um sich die Dienste von Sanchez zu sichern. Im Vereins- und Nationaldress durfte er in letzter Zeit immer öfter spielen und wird mit großer Wahrscheinlichkeit auch bei der WM auflaufen. Seine Robustheit und Zweikampfstärke brachten bereits einige hochkarätige Angreifer in der Premier League zum Verzweifeln. Zuletzt kamen auch immer wieder Gerüchte auf, dass der FC Barcelona an einer Verpflichtung interessiert sei.

Die Chefutbol-Prognose

Die Qualität im Kader ist durchaus höher, als in den vergangenen Jahren, aber trotzdem wirkt das Team seit der Weltmeisterschaft nicht wirklich eingespielt. Ein Grund dafür ist, dass Pekerman nur selten zwei Spiele mit der selben Mannschaft bestritt. Der Einzug ins Achtelfinale ist wahrscheinlich, wo höchstwahrscheinlich England oder Belgien warten werden, und eine Top-Leistung von Nöten sein wird. Auch wenn die Erwartungen in der Heimat riesig sind, muss sich Kolumbien nach der eher durchwachsenen Qualifikation deutlich steigern, wenn es ähnlich gut laufen soll wie vor vier Jahren.