Peru WM

WM-Vorschau Peru: Ein fast unschlagbarer Außenseiter

Noch Mitte 2016 hätte keiner einen Pfifferling auf Perus WM-Teilnahme gesetzt. Doch Ricardo Garecas Team ist nun seit fast 17 Monaten ungeschlagen und hat gar keine schlechten Chancen, bei der WM für eine Überraschung zu sorgen. Die Begnadigung von Starstürmer Paolo Guerrero ist ein zusätzlicher Motivationsschub.

Der Weg nach Russland

Dass Peru überhaupt nach Russland fliegt, ist eine kleine Sensation. Noch nach der Hälfte der Qualifikationsspiele war man weit von Platz fünf entfernt und musste sich eher Bolivien und Venezuela vom Leib halten, um nicht auf den blamablen letzten Platz abzufallen. Das passte zum Trend: Seit 1982 war die Blanquirroja nicht mehr zur WM gefahren, seit Juni 2004 hatte man kein Pflichtspiel mehr auswärts gewonnen. Doch die geduldige Arbeit von Trainer Ricardo Gareca sollte letztlich Früchte tragen: Nach dem 16.11.2016 (0:2 gegen Brasilien) verlor man kein Spiel mehr und schob sich mit etwas Glück auf Rang 5 vor, der in Nervenschlachten gegen Argentinien und Kolumbien gehalten werden konnte. So erreichten die Incaicos die Play-Offs, die sie gegen Neuseeland sehr souverän bestritten: Einem 0:0 in Auckland folgte ein 2:0 in Lima und kollektive Ekstase.

Die WM-Geschichte

Peru ist kein Stammgast bei Weltmeisterschaften. Nach dem punktlosen Ausscheiden bei der WM 1930 dauerte es 40 Jahre, bis Peru wieder eine WM bestreiten sollte. In den Siebzigerjahren kam es zu den besten Auftritten der peruanischen Mannschaften: 1970 in Mexiko schaffte man es ins Viertelfinale, 1978 in Argentinien in die zweite Gruppenphase. Angeführt wurde Perus Mannschaft damals vom vielleicht besten Fußballer seiner Geschichte: Teofilo Nene Cubillas. 1970 und 1978 gelangen dem offensiven Mittelfeldspieler jeweils fünf Treffer, darunter ein Fabelfreistoß gegen Schottland, der zu den herrlichsten WM-Treffern überhaupt gehört. Auch 1982 qualifizierten sich Cubillas und Peru noch einmal für die WM, bei der die Mannschaft aber in der Vorrunde ausschied. Dann folgte eine Durststrecke von schier endlosen 36 Jahren, ehe Peru am 9.6.2018 ins Rampenlicht zurückkehren wird. Beim letzten WM-Spiel der Blanquirroja war kein Spieler des aktuellen Kaders auch nur geboren worden.

Die Mannschaft

Geht man nach den Marktwerten, ist Peru absoluter Außenseiter: Nur die Teams von Panama und Saudi-Arabien haben laut transfermarkt.de einen geringeren Wert. Daraus kann man schon ablesen, dass die mannschaftliche Geschlossenheit für Perus Erfolg eine Notwendigkeit ist. In Teilen ist sie aber auch das Resultat der hervorragenden Arbeit von Trainer Ricardo Gareca: Der hat vor der Copa America 2016 einige bekannte Gesichter aus dem Kader verbannt und so einen Reizpunkt gesetzt – die klare Botschaft: wer nicht mitzieht, hat keine Chance. Spieler wie Jefferson Farfán oder André Carrillo haben das mittlerweile verstanden und sind zurück in der Blanquirroja, während andere Akteure wie etwas Carlos Zambrano oder die Altstars Juan Manuel Vargas und Claudio Pizarro keine neue Chance erhielten.

Peru 2018

Der Kader hielt keine wirklichen Überraschungen parat, der Kern ist aus der WM-Qualifikation bekannt. Meist spielt Peru im 4-2-3-1 oder 4-4-1-1, in dem hinter dem Fixpunkt Paolo Guerrero eine offensive Dreierreihe um André Carrillo, Cristian Cueva und Edison Flores für Torgefahr sorgen soll. In letzter Zeit funktionierte das meist ganz gut, zumal mit Miguel Trauco und Luis Advincula nun offensivstärkere Außenverteidiger zum Einsatz kommen. Dennoch liegt die Stärke des Teams eher in der Defensive, wo man den eigenen Kasten mit aufopferungsvollem Kampf verteidigt. Der Lohn dafür ist eine ungeschlagene Serie von mittlerweile 15 Spielen, während der Teams wie Uruguay, Kroatien und Island besiegt wurden.

Der Trainer

Der Argentinier Ricardo Gareca ist der Vater des Erfolgs: Er übernahm 2015 eine chaotische Mannschaft, die in den beiden vorhergegangenen WM-Qualifikationen mit Pauken und Trompeten gescheitert war. Mit einer unaufgeregten Führungsstärke und einem extrem guten Händchen für die Teamchemie brachte El Tigre die Blanquirroja wieder in die Spur. Gareca ist ein charismatischer und sehr emotionaler Coach, der sich dennoch durch seine langfristige Denkweise auszeichnete. Der von der sensationalistischen und ungeduldigen peruanischen Presse zunächst kritisch beäugte Argentinier wurde so zum Volkshelden.

Der Schlüsselspieler

Der einzige Spieler mit Sonderstatus in Perus Team ist der Kapitän: Paolo Guerrero. Ausgerechnet er drohte die große Party aber zu verpassen, denn sein positiver Kokain-Test sorgte für ein langwieriges Hin und Her, ehe das Sportgericht erst vor knapp zwei Wochen seine Sperre für die Dauer der WM aussetzte. In Peru hatte man immer auf Biegen und Brechen um den Einsatz des Depredador gekämpft, denn der frühere Bayernstürmer ist die Seele der Mannschaft. Meist kämpft er alleine gegen die gegnerischen Innenverteidiger, reißt seine Teamkollegen mit  seinem unbändigen Einsatz mit und verfügt dabei gleichzeitig über eine bemerkenswerte fußballerische Klasse. So war es kein Zufall, dass ausgerechnet Guerrero mit seinem Freistoßtor gegen Kolumbien den Peruanern die Play-Offs sicherte. Auch nach seiner Dopingsperre meldete er sich direkt mit einem Doppelpack gegen Saudi-Arabien zurück.

Das Talent

Der jüngste Spieler im Kader ist der 22-jährige Renato Tapia, der bei Feyenoord aus Rotterdam unter Vertrag steht. Tapia, der mit nur 19 Jahren in der Blanquirroja debütierte, gehört aktuell zu Ricardo Garecas Stammelf und sorgt für die nötige Balance im Mittelfeld, denn der Sechser ist ein klassischer Allrounder: Seine Stärken in der Laufleistung und Zweikampfführung werden durch eine souveräne Spieleröffnung und gute Übersicht ergänzt. Bei Feyenoord kommt er sogar häufiger in der Innenverteidigung im Einsatz, in Russland ist das aber nicht zu erwarten.

Die Chefutbol-Prognose:

Peru kann trotz nur durchschnittlicher individueller Fähigkeiten eine außergewöhnlich entschlossene und kompakte Mannschaft aufbieten, die in den letzten eineinhalb Jahren hat aufhorchen lassen. Paolo Guerreros Begnadigung hat noch für einen zusätzlichen Schub gesorgt. Die Blanquirroja hat so das Zeug, eine der Überraschungen der WM zu werden und mit etwas Glück sogar ins Viertelfinale vorzudringen. Doch auch die Gruppengegner Frankreich und Dänemark scheinen bestens gerüstet – ein Gruppenaus ist ebenso möglich und wäre nicht unbedingt eine Schande. Die Hauptsache ist, dass die Blanquirroja nach langen Jahren der Stagnation mal wieder Begeisterung entfacht.