Ende der 1980er Jahren verhalf der spanische Drogenboss José Ramón Prado Bugallo alias „Sito Miñanco“, der Kontakte zum Medellín-Kartell pflegte, dem galicischen Provinzverein Juventud aus dem ruhigen Fischerort Cambados zu einem kometenhaften Aufstieg, der ihn bis ins Estadio Santiago Bernabéu und bis nach Südamerika führte.
Das 13.000-Einwohner Städtchen Cambados liegt an der herrlichen Ría de Arousa im Bezirk Pontevedra und lebt nach wie vor überwiegend vom Fischfang. In dem verschlafenen Ort erinnert wenig an die glamourösen und ereignisreichen Jahre von 1986-1989, als der lokale Fußballverein ans Tor zur 2. Liga klopfte, und hinter Deportivo La Coruña und Celta de Vigo die dritte Kraft in Galicien war. Diese Zeiten sind jedoch lange vorbei, und Juventud Cambados spielt, nach dem Aufstieg in der letzten Spielrunde, inzwischen wieder in der 5. Liga, der vermutlich angemesseneren Spielklasse.
Die goldenen Jahre des Vereins sind mit dem „berühmtesten“ Sohn des Städtchens verbunden, dessen bürgerlicher Name José Ramón Prado Bugallo ist, der aber in Spanien allgemein unter seinem Alias „Sito Miñanco” bekannt ist. Besagter Mann entwickelte sich vom kleinkriminellen Tabakschmuggler zu einem der größten europäischen Kokainschmuggler, der in Hochzeiten 80% des Europa-Konsums deckte. Er pflegte Kontakte zum Medellín Kartell von Pablo Escobar und war mit Odalys Rivera liiert, der Nichte eines panamaischen Ministers aus dem Kabinett des ehemaligen Militärdiktators Manuel Antonio Noriega Moreno. Die Hauptaufgabe des galicischen Capos war es mit Schnellbooten auf hoher See Drogen von Schiffen aus Lateinamerika abzuholen, bevor diese in spanische Häfen einliefen.
Sito Miñanco der Wohltäter
Der Mann der als Kind selbst in der Jugendmannschaft von Juventud Cambados spielte, aber kein allzu großes Talent bewiesen hatte, verdiente so viel Geld, dass er vermutlich nicht mehr wusste wohin damit. Im Nachhinein lassen sich in seinem Verhalten einige Parallelelen zu anderen großen Drogenbossen v.a. Pablo „El Patrón“ Escobar zeichnen, dessen Aussehen er anscheinend sogar versuchte zu kopieren (Schnurrbart, Art sich zu kleiden, siehe Bild unten). Zudem versuchte Miñanco ebenso wie Escobar durch Spenden oder Geschenke das Ansehen und Vertrauen der einfachen Leute zu gewinnen. Er spendierte unter anderem einen neuen Kirchenaltar, bezahlte medizinische Behandlungen und übernahm Studiengebühren von Kindern ärmerer Familien. Dazu sei gesagt, dass Galicien in den 90er Jahren eine wirtschaftsschwache Region war, in der die Politik keinen guten Ruf genoss, und die Bewohner somit dem spendablen Mann von neben an mit seinem Ferrari Testarossa mehr trauten als den meisten Politikern. Mit dem Ferrari chauffierte er seine Spieler manchmal sogar persönlich zum Sportplatz.

Zusätzlich zu den erwähnten sozialen Wohltätigkeiten übernahm der fußballbegeisterte Mann das Präsidentenamt bei seinem Kindheitsverein, womit der kometenhafteste Aufstieg an den man sich in Galicien erinnern kann, fahrt aufnahm. Denn Cambados begann auf einmal Spieler zu verpflichten die locker 2-3 Klassen höher hätten spielen können, und stieg innerhalb von drei Jahren aus der 5. Liga (galicische Regionalliga) bis in die Segunda División B (3. Liga) auf. Die Gehälter die gezahlt wurden lagen dank dem Drogenmillionär bei bis zu 2,5 Millionen Peseten im Jahr zuzüglich Prämien, womit man sich ebenfalls in einer Liga mit Deportivo und Celta bewegte, und den Spielern die Spiele auf den Erdplätzen schmackhaft machte.
Südamerikareise nach Panama und Venezuela
Im Sommer 1989, nach der bis dahin besten Saison der Vereinsgeschichte, die mit dem Aufstieg in die 3. Liga gekrönt wurde, belohnte der Boss seine Spieler mit einer Reise nach Südamerika, wohin er gute Kontakte pflegte und wo er regelmäßig sein Geld wusch. Später stellten die Medien die Reise hauptsächlich als Vergnügungsreise dar – was sie vermutlich auch war – bei der es den Spielern an nichts fehlte. Auch nicht an Luxusyachten, Prostituierten, besten Meeresfrüchten und teuren Champagner. Einige der Spieler wiesen dies jedoch zurück, und wiesen darauf hin, dass man während der zwölftägigen Reise immerhin auch fünf Spiele gegen lokale Teams austrug.

https://www.elespanol.com/reportajes/20180210/cambados-narcoequipo-pagaba-sito-minanco-llego-bernabeu/283722670_0.html
Zuerst reiste der galicische Drittligist nach Panama, wo ein Freundschaftsspiel sogar im nationalen panamaischen Fernsehen übertragen wurde, und selbst der damalige spanische Botschafter Tomás Lozano vor Ort war und sich nach Abpfiff mit der Mannschaft fotografieren ließ. Ein spanischer Justizangestellter der 2006 zu einem Kongress nach Panama flog, erzählte anschließend, dass Sito Miñanco in Panama selbst 15 Jahre nach seiner Festnahme in Spanien immer noch sehr bekannt war, und die Taxifahrer genau wussten wer er ist. Im Anschluss ging es für den Tross weiter nach Venezuela wo Cambados u.a. ein Spiel gegen Deportivo Galicia (heutiger Name: Galicia de Aragua) austrug, ein Verein der von galicischen Auswanderern gegründet worden war.
Doch die Reise war nicht alles, was José Bugallo seinem Heimatverein spendierte, denn ebenso finanzierte er einen Stadionausbau – das ganze 2.000 Plätze hat – und den lang ersehnten Rasenplatz, auf dem der Aufstieg in die 2. Liga erreicht werden sollte. Beim Einweihungsspiel gegen Racing de Ferrol waren auch viele lokale Politikgrößen zugegen, und ein Priester segnete das neue Stadion.
(Ausschnitt aus der span. Serie Fariña (galicisch für Mehl, ugs. Kokain), in der es um den Drogenhandel in Galicien geht)
Festnahme Miñanco’s und Absturz
Nachdem Sito Miñanco 1990 im Zuge der Operation Nécora verhaftet wurde, und das Drogengeld versiegte, war es nur mehr eine Frage der Zeit bis es sportlich wieder abwärts gehen sollte mit Cambados. Trotzdem beendete man die Saison 1989/90 auf einem respektablen vierten Platz, und durfte in der darauffolgenden Saison im Estadio Santiago Bernabéu gegen die Zweitvertretung von Real Madrid auflaufen (1:0 Niederlage), und hielt in diesem Jahr ebenfalls noch die Klasse. Erst in der dritten Drittligasaison folgte der Abstieg, und zehn Jahre nach dem Aufstieg in die 3.Liga spielte man schon wieder in der 6. Liga gegen Vereine aus der Nachbarschaft.
Dies ist die legendäre Mannschaft, an die man sich heute noch in Cambados erinnert: Sanisidro, Charlín, García, Estévez, Cacharrón, Montoto, Collazo, Bericat, Covelo, Dibuja y Asensio.

