Der FC Porto verpasste es gegen den Nachbarn aus Guimarães die Tabellenspitze zu übernehmen. Guimarães gewann nach 22 Jahren wieder in Porto, und bog dabei einen 2:0 Halbzeitrückstand um.
Wer vor dem Spieltag Geld darauf gesetzt hätte, dass am Ende des Lissabonner Derby-Tages „Vitória“ und „Porto“ in den portugiesischen Twitter-Trends ganz oben stehen würden, hätte vermutlich fast so viel Geld dafür zurückbekommen, wie wenn man zur Halbzeit noch auf einen Sieg für eben jenes Vitória Guimaraes gesetzt hätte. Nach der Steilvorlage aus Lissabon, Benfica und Sporting hatten sich am Nachmittag 1:1 unentschieden getrennt, verlor der amtierende Meister zu Hause, zum ersten Mal seit 22 Jahren, wieder gegen den bis dato noch punktlosen Nachbarn aus Guimarães. Dabei stand es zur Halbzeit schon 2:0 für die Hausherren, und jeder Porto-Fan überlegte sich sicherlich schon, wo er denn den Sieg und die Übernahme der Tabellenführung feiern sollte.
Vor dem Spiel
Wer etwas Zeit vor dem Spiel mitbringt, bzw. dessen Bierdurst größer ist als die Strandlust, sollte nicht direkt mit der Metro zum Estádio Dragão fahren, sondern entweder schon an der Haltestelle 24 de Agosto oder Marquês bzw. Combatentes aussteigen und sich in Ruhe unter die Porto-Fans mischen, die vor dem Spiel in Stadionnähe noch etwas essen und ein paar Superbocks (Bier aus Porto) trinken. Ich hatte das Glück in der Avenida de Fernão de Magalhães eine Porto-Bar zu finden, die typischer nicht hätte sein können, und in der ich mehr typisch Nordportugiesisches vorfand als einem bei manch einer Stadtführung gezeigt wird: Fado-Gitarren und traditionelle Hüte an der Wand, Fernseher mit Fußball, und Francesinha (typisches nordportugiesisches Sandwich) zum Essen. Die Francesinha mit Pommes, ein 0,25-Bier (pt. Fino) und einen Espresso gab es für knappe 8€. Umso näher ich dem Estádio Dragão kam, umso zahlreicher wurden die Bars und Kneipen und die Zahl der Menschen mit weiß-blauen Trikots wurde mit jedem Meter mehr. Anschließend bog ich in die Alameda das Antas ein und hatte einen tollen Panoramablick inklusive Vollmond auf das Drachenstadion. (Die “Panoramabilder” der Kamera meines chinesischen Billigsmartphones erspare ich euch.)

Direkt neben dem Stadion befindet sich ein großes Einkaufszentrum, in dem man bei Bedarf Partner und Familie „parken“ kann.
1. Halbzeit – VAR fällt aus – Porto geht in Führung
Die Kommerzialisierung ist in Portugal genauso weit vorangeschritten wie in Deutschland, jedoch blieb nicht das durch Lautsprecher angeregte rhythmische Klatschen zum Einlauf der Spieler in Erinnerung, sondern die Vereinshymne der Gastgeber, deren Refrain mit zehn Wiederholungen des Stadtnamens endet: Porto, Porto, Porto, Porto, Porto, Porto, Porto, Porto, Porto, Porto – vermutlich damit auch wirklich jeder englische Hooligan zu Hause noch weiß, wo er eigentlich war.

Vom Anpfiff weg übernahm die Elf von Sérgio Conceição das Kommando, ohne sich dabei allerdings große Torchancen zu erarbeiten. Die Gäste standen tief und verteidigten das Zentrum robust, ohne jedoch viel für Entlastung zu sorgen. Bei einem stärkeren Pressing Portos und einer besseren Nutzung des ziemlich breiten Spielfeldes hätte man die Gäste sicherlich früh vor größere Probleme stellen können. So plätscherte das Spiel bis zur 35. Minute dahin, bis João Afonso nach einer Großchance von Aboubakr für seinen geschlagenen Keeper vor der Linie rettete. Doch nur zwei Minuten später gingen die weiß-blauen nach einem sehenswerten Schuss von Brahimi aus 16m in den Winkel in Führung und nur sechs Minuten später erhöhte der agile Andre Pereira per Kopf, aus Abseitsposition, nach einem Standard auf 2:0. Diesen irregulären Treffer hätte eigentlich der Videoschiedsrichter kassieren müssen, doch die Verbindung via Headset zum Schiedsrichter auf dem Platz funktionierte von der 15. Minute bis zur Halbzeit nicht, sodass der Treffer schlussendlich doch zählte (#ComOuSemVAR). Zudem wurde wenige Minuten vorher den Gästen ein relativ klarer Elfmeter verweigert. Ein gebrauchter Tag für Guimarães sollte man meinen.
In der Halbzeit wurde statt eines Halbzeitspiels die Fahrradabteilung des FC Porto im Stadion geehrt und bei der Ehrenrunde spendeten alle Tribünen lautstarken Applaus. Eine schöne Aktion. Außerdem fielen die gut “mitspielenden” Balljungen auf, die kaum über die Bande ragten, und bei Angriffen der Hausherren das Spiel schnell machten.
2. Halbzeit – Der Fußballgott macht 22 lange Jahre vergessen
Vor Anpfiff des 2. Durchgangs schworen sich die Guimarães-Spieler auf dem Platz in einem Spielerkreis noch einmal ein, so als würden sie tatsächlich noch an ihre Siegchance glauben, wohingegen der neutrale Fan bzw. Porto-Fan dies wohl so interpretierte, dass man hier nicht völlig untergehen wollten. Die ersten fünf Minuten nach Seitenwechsel hatten ihren Höhepunkt in der Auswechslung von Torschütze Brahimi, während das Spiel dagegen immer weiter abflachte. Nachdem auf dem Platz nicht mehr viel passierte, begannen die ca. 1.000 Gästefans sich selbst zu unterhalten und legten eine „kleine“ 5-minütige Pyro-Show hin – ohne dass auch nur eine Durchsage kam dies zu unterlassen – und unterhielten so das Stadion. In diese Stimmungsphase fiel dann passenderweise der Elfmeterpfiff für die Gäste, den Ex-Porto-Spieler André André sicher verwandelte. Casillas hatte zwar die Ecke geahnt, konnte den hart geschossenen Strafstoß aber nicht halten. Das Spiel ging nach dem Treffer genauso gemächlich weiter wie vor dem Anschlusstreffer, und der 2:2 Ausgleich, durch Tozé (ebenfalls Ex-Porto), kam genauso aus dem Nichts wie der vorherige Treffer. Der Meister versuchte danach zwar wieder Fahrt aufzunehmen, konnte den Hebel aber nicht mehr umlegen, da vor allem das Passspiel in der 2. Hälfte immer schwächer wurde.
Der Fußballgott schien sich an diesem Abend aber an die langen 22 sieglosen Jahre der mitgereisten Guimarães-Fans zu erinnern und schenkte ihnen sogar noch das 3:2. Davidson schloss in der 89. Minute einen Konter eiskalt ab; jeder Schuss der Gäste aufs Tor von Casillas in der 2. HZ war somit Treffer. In der 5-minütigen Nachspielzeit avancierte dann Keeper Douglas zum Helden des Tages und zum Man of the Match. Die anrennenden blau-weißen vergaben noch drei hundertprozentige Torchancen, und weitere Halbchancen. Mit diesen scheiterten sie sowohl an Douglas, dem Pfosten, eigenem Unvermögen und einer heldenhaften Rettungsaktion auf der Linie.



