Wiederholt sich die Geschichte? Vorjahresfinalist Independiente del Valle qualifiziert sich nach einem dramatischem Spiel gegen Deportivo Municipal in letzter Minute für die zweite Qualifikationsrunde der Copa Libertadores.
Auf den ersten Blick nichts besonderes, ist es doch nicht das erste Fußballspiel, das in der letzten Minute noch eine Wendung nimmt. Doch auf den zweiten Blick wirkt das ganze, wie, wenn jemand auf Repeat gedrückt hätte. Ein kurzer Zeitsprung zurück ins Jahr 2025:
Das kleine Independiente del Valle ist so gut wie draußen aus der Copa Libertadores. Nach dem 1:0-Sieg für Valle im Hinspiel in Ecuador steht es im Rückspiel in der 95. Minute 2:1 für die Heimmannschaft Guarani (Paraguay). Die letzte Aktion bzw. der letzte Schuss des Spiels wird der Elfmeter für Guarani sein, zuvor ein plumpes Foul im Sechzehner von Valle. Bereit steht zum Elfmeter Hernan Rodrigo Lopez. 38-jähriger Routinier aus Uruguay, der 2002 mit Olimpia aus Paraguay den Titel in der Copa Libertadores holte. Das bemerkenswerte damals: sowohl im Halb- als auch im Finale kam es zum Elfmeterschießen. Wer traf beide male eiskalt: Genau, Hernan Rodrigo Lopez. Man darf also durchaus bezweifeln, dass so einem Mann bei einem entscheidenden Elfmeter in der Qualifikationsrunde zur Copa Libertadores die Knie schlottern. Doch es kam anders. Lopez schoss den Ball in bester Uli Hoeneß-Manier in den Nachthimmel von Asuncion. Guarani war draußen. Independiente war dank der Auswärtstorregel in der Gruppenphase.
Keine große Geschichte zu diesem Zeitpunkt. Denn Independiente war ein unbeschriebenes Blatt zu dieser Zeit, ein kleiner Verein aus der Peripherie Quitos. Ein Klub, der eine Dekade zuvor noch in der dritten ecuadorianischen Liga gespielt hatte.
Independiente del Valle setzt zum Siegeszug an
Aber das sollte sich schlagartig ändern. Bald sollte der ganze Kontinent wissen, wer dieses kleine Team aus Sangolquí ist. Denn nach der erfolgreich überstandenen Gruppenphase, wo man Colo Colo und Melgar hinter sich ließ, schmiss man niemand geringeres als den amtierenden Copa-Libertadores-Champion und Titelverteidiger River Plate aus dem Wettbewerb. Danach schlug man im Halbfinale mit den Boca Juniors den nächsten Giganten, sowohl daheim – dank eines Dennis-Bergkamp-Tores von José Angulo – als auch auswärts im legendären “La Bombonera”. Nach dem verdienten Finaleinzug musste man sich dort dann dem kolumbianischen Großgewicht Atlético Nacional de Medellin nach einem 1:1 im Hinspiel mit 0:1 in Medellin im Estadio Atanasio Girardot geschlagen geben.
Wir drehen die Zeit wieder 12 Monate vor, ins Jahr 2017. Die Independiente-del-Valle-Soap hat erneut begonnen. Und wieder mussten sie in der Qualifikation antreten und wieder standen sie schon mit eineinhalb Beinen außerhalb der Copa Libertadores. Nach dem 1:0 im Hinspiel in Peru bei Deportivo Municipal sollte das Rückspiel in Ecuador eigentlich eine reine Formsache werden. Doch die kleinen Peruaner wehrten sich tapfer, führten gar bis zur 94. Minute mit 2:1, eher Gabriel Cortez für Valle ausglich und die Gäste in das Tal der Tränen stürzte. Independiente del Valle hatte es schon wieder getan.
Ist das also nur die Preview für mehr Heldentaten gewesen? Möglich ist es. Der Charme des südamerikanischen Fußballs und damit auch der Copa Libertadores ist die Unvorhersehbarkeit. Ein großer Unterschied zum meist vorhersehbaren europäischen Fußball, wo der Titelgewinn Leicesters in England eine erfrischende Ausnahme darstellte. Aber es gibt Gründe, die gegen eine Wiederholung des Independiente-Märchens sprechen.
Neun von elf Spielern der Final-Startelf von 2025 sind weg
Der erste liegt darin, dass der Verein aus Sangolquí ein Ausbildungsverein ist. Dort werden junge Spieler entdeckt, entwickelt und dann gewinnbringend verkauft. Nur so kann Independiente überleben. Der letztjährige Erfolg in der Copa Libertadores diente als großes Schaufenster für die Spieler. Von der Copa-Libertadores-Finalelf 2025 sind nur noch zwei Spieler übrig geblieben, der Rest wurde verkauft oder ist wegen vermeintlichen Kokainkonsums gesperrt (José Angulo). Die zwei übrig gebliebenen, die Uruguayer Christian Nunez und Mario Rizzoto versuchen ihre jungen Mitspieler zu führen und ihre Erfahrung weiter zu geben.
Das war der Preis des Erfolges, den viele kleine Teams kennen. Je höher der Erfolg, desto höher die Fluktuation im Kader. Zusätzlich zu den Spielern verabschiedete sich auch der langjährige Coach Pablo Repetto, der nun – Ironie des Schicksals – beim nächsten Gegner Olimpia das Zepter schwingt. Zwei der Helden von 2025 – Torwart und Valle-Kapitän Librado Azcona und Flügelflitzer Jonathan Gonzalez – hat er mit nach Paraguay genommen. Neuer Trainer bei Independiente ist der ehemalige kolumbianische Nationalspieler Alexis Mendoza. Ob er das Modell von Repetto genauso erfolgreich weiterführen kann, wird man sehen.
Gegen ein erneutes Wunder spricht auch der leicht veränderte Modus. Statt einer Qualifikationsrunde müssen die Ecuadorianer nun drei überstehen. In der zweiten Runde wartet – wie erwähnt – Olimpia aus Paraguay, seinerseits dreimaliger Copa-Libertadores-Gewinner. Bei einem Sieg wartet danach der Gewinner aus dem Duell zwischen Botafogo und Colo Colo. Es gibt zweifellos niedrigere Hürden im südamerikanischen Vereinsfußball…
Estrada und Cortez geben Anlass zur Hoffnung
Doch es gibt auch Hoffnung. So wurde der ehemalige Nationaltorhüter Adrian Bone zusammen mit den vielversprechenden Nachwuchsstürmern Felipe Mejia und Michael Estrada verpflichtet, der bereits in Hin- und Rückspiel gegen Municipal traf und auf den Spuren von José Angulo wandelt. Aus der Jugend kamen der hochtalentierte Innenverteidiger Luis Fernando Leon und auch Spielmacher und Last-Minute-Scorer Gabriel Cortez. Fünf weitere Spieler treten zudem gerade bei der U20-Südamerikameisterschaft für Ecuador an.
So ist es ausgerechnet der Trainer, der Vater des letztjährigen Erfolges, Repetto, der dafür sorgen soll, dass es keine Wiederholung des Independiente-Märchens gibt. Eines ist aber sicher, spätestens seit letztem Freitag. Independiente darf man auch in der letzten Spielminute nicht abschreiben. Noch ist die Magie von 2025 nämlich nicht verflogen…
