Bilbao
Flickr / Iker Merodio

Athletic Bilbao: Eine Klubphilosophie vor der Zerreißprobe

Eine 1:0 Heimniederlage gegen den FC Cordoba am 14. Spieltag der Saison 2014/2015 stellt für einen ruhmreichen Traditionsverein wie Athletic Bilbao auf den ersten Blick nicht unbedingt ein historisches Ereignis dar. Vor allem in medial aufgehypten Zeiten, in denen aus jedem verschossenen Elfmeter im Training eine Breaking News gemacht wird. Doch dieser 06.12.2014 war für den Klub aus dem Baskenland definitiv etwas Besonders.

Da die lebende Vereinslegende Aritz Aduriz verletzungsbedingt nicht spielen kann, greift Trainer Ernesto Valverde im Sturm auf ein junges Talent aus der zweiten Mannschaft zurück, der in der laufenden Drittligasaison elf Tore in 15 Partien erzielen konnte. Seine Name: Iñaki Williams. Williams` Vater kommt aus Ghana und seine Mutter kommt aus Liberia. So weit nichts außergewöhnliches, es sei denn, der Klub für den man aufläuft heißt Athletic Bilbao und spielt seit Vereinsgründung ausschließlich mit baskischen Spieler. Williams ist im Baskenland geboren und wurde auch dort fußballerisch ausgebildet. Eines der beiden Kriterien muss erfüllt sein, um für Athletic Fußball spielen zu dürfen.

Als Williams im Europa League-Spiel gegen den FC Turin zwei Monate später sein erstes Pflichtspieltor erzielt, ist die Geschichte perfekt. Iñaki Williams ist der erste dunkelhäutige Torschütze in der 118-jährigen Vereinsgeschichte. Spätestens zu diesem Zeitpunkt werden die Kritiker verstummen, die dem Verein eine rassistische Vereinspolitik vorwerfen. Die Philosophie, auf einheimische Spieler zu setzen, ist keine clevere neumodische Marketingstrategie um im globalen Fußballmarkt durch ein Alleinstellungsmerkmal höhere Einnahmen zu generieren. Es ist der Grundgedanke dieses Vereins. Seit mehr als 118 Jahren.

Wettbewerbsfähigkeit erfordert neue Wege

Doch auch Bilbao ist in diesem globalen Milliarden-Geschäft Fußball zuhause, und so wurden in den letzten Jahren die internen Regeln etwas gelockert. Lange war es festgeschrieben, dass ein Spieler baskischer Abstimmung, oder in einer der drei Provinzen des Baskenlandes geboren sein musste. Mittlerweile wurde das Einzugsgebiet auf Navarra, La Rioja und das französische Baskenland erweitert.

So kann neben Williams auch der in Frankreich geboren Aymeric Laporte für den Klub auflaufen. Er ist das zweite große Talent im Kader vom ebenfalls begehrten Trainer Ernesto Valverde. Die Frage, die sich unweigerlich stellt, wie lange kann das noch gut gehen?

Eingeschränkter Transfermarkt für Athletic Bilbao

Bilbao schränkt sich bei der Suche nach Verstärkungen auf dem Transfermarkt enorm ein. Die eigene Jugend, oder Spieler von SD Eibar, Real Sociedad San Sebastian oder CA Osasuna kommen in Frage. Aktuell sind das dann Namen wie Mikel Oyarzabal, Mikel Merino, Aitor Buñuel, David García oder Álex Berenguer.

Die Transfers in den letzten Jahren deuten in eine ähnliche Richtung. Mit Ager Aketxe, Unai Lopez, Yeray, Enric Saborit, Vesga und Inigo Lekue kamen vor dieser Saison nur Spieler aus der zweiten Mannschaft neu hinzu. Raúl García und Beñat Etxebarria sind die einzigen Spieler, für die in den letzten fünf Jahren eine Ablöse gezahlt wurde, die über fünf Millionen Euro lag.

Für immer La Liga

Gleichzeitig ist der Verein für seine knallharte Verhandlungstaktik bekannt. Die bekanntesten Beispiele in der jüngeren Vergangenheit waren Javi Martienz und Ander Herrera. 76 Millionen Euro brachten die beiden Mittelfeldspieler ein. Geld, das in die hervorragende Jugendarbeit investiert wird. Den vielleicht größten sportlichen Erfolg dieser Arbeit stellt die Tatsache dar, dass man als einer von drei Klubs noch nie aus der ersten Liga abgestiegen ist – die anderen beiden Vereine heißen Real und Barca.

 Im Fokus der europäischen Topklubs: Iñaki Williams

Auf ähnliche Summen wie beim Martinez-Transfer werden sich alle Vereine einstellen müssen, die auch in diesem Sommer wieder versuchen werden, Williams, Laporte und Trainer Valverde von einem Transfer zu überzeugen. Williams beteuerte erst vor kurzem in der Marca, das ein Abgang für ihn nicht in Frage kommt: “Ich fühle mich wohl hier. Ich bin da, wo ich sein will. Ich habe nicht die Absicht, das zu ändern. Das Interesse der großen Teams schmeichelt mir, aber ich bin schon bei einem großen Klub und möchte noch viele Jahre hier spielen. Es ist das Beste, hier zu sein.“

Bei ausbleibendem sportlichen Erfolg wird er sich an diesen Worten messen lassen müssen. Die Meisterschaft ist in Spanien unerreichbar, doch das internationale Geschäft, und sei es nur die Europa League, wäre ein Argument, dem Interesse von Liverpool, Dortmund und wahrscheinlich jedem anderen europäischen Spitzenverein, der eine Ablöse von jenseits der 40 Millionen stemmen kann, in diesem Sommer zu widerstehen.

Es gibt Größeres als Titel

Vor dem 32. Spieltag waren es zwei Punkte auf den sechsten Platz. Verläuft die Saison wie so viele in den letzten Jahren – man kommt schwer rein aufgrund der Doppelbelastung, gewinnt in einem starken Schlussspurt fast alle Heimspiele und holt auch auswärts gegen die Teams Punkte, die in der Tabelle schlechter stehen – könnte es im dritten Jahr in Folge für Europa reichen.

Ob das dauerhaft reicht um Trainer Valverde, über den Williams sagt er sei ein „ein großartiger Trainer. Der Verein und die Fans sind sehr zufrieden mit ihm. Wir alle wollen, dass er bleibt. Über einen neuen Trainer mache ich mir keine Gedanken“, davon zu überzeugen dem FC Arsenal oder dem FC Barcelona, die dem Vernehmen nach interessiert sein sollen, einen Korb zu geben, bleibt abzuwarten.

Schafft man es, sich auch in den kommenden Jahren erfolgreich gegen die zunehmenden Investor-Milliarden bei diversen Klubs zu verteidigen, wird dieses ungewollt Alleinstellungsmerkmal, das auf totaler Identifikation fußt, weiter ausgebaut. Das kann weit aus größer sein, als ein zusammengekaufter Meistertitel. Je nach dem, von welcher Seite man auf die Medaille schaut.