Mit Unterbrechungen prägt Florentino Pérez nun seit beinahe zwei Dekaden Real Madrid, den wahrscheinlich schillerndsten Club unseres Planeten. Teilweise genießt er einen fragwürdigen Ruf, der Verein hat ihm jedoch auch vieles zu verdanken. Er ist eine Lichtgestalt, die kontrovers diskutiert werden kann. Kontroversen prägen ebenso seine Erfolgsgeschichte, wie bei der Rettung des Vereins unter seiner Führung. Chefutbol.com beleuchtet den Mann, der die Königlichen wie einen Großkonzern zu führen scheint. Und das mit Erfolg.
Pérez gilt mittlerweile als der mächtigste Präsident, den Real Madrid je erlebt hat. Eine englische Zeitschrift hat einst die Ideologie des Bauunternehmers mit den Worten „Business, Geld und Macht“ zusammengefasst. Wenn er durch persönlichen Einfluss nicht zu seinem Ziel kommt, zögert er auch nicht sein Geld zu nutzen – das ist kein Geheimnis. Konkurrenten bissen sich entweder die Zähne an ihm aus, oder wechselten auf seine Seite. Skandale gibt es, sie scheinen ihm aber nicht zu schaden. Die Vereinsstatuten Reals wurden angeblich auf sein Wirken hin derart geändert, dass quasi niemand anderes außer er selbst zur Präsidentschaftswahl antreten kann. Der Schein eines demokratisch geführten Vereins bleibt dennoch gewahrt. Exakt so, wie es Pérez sich wünscht.
Luis Figo – Der Schlüssel zu Pérez’ Macht
Nachdem Pérez bei seinem ersten Versuch, Präsident von Real Madrid zu werden knapp unterlegen war, setzte er sich letztlich im Jahr 2000 gegen Lorenzo Sanz durch. Luis Figo, der schillernde Star des FC Barcelona wurde zum Schlüssel bei der Wahl. Pérez machte es zum Versprechen, den Portugiesen vom Erzrivalen loszueisen. Er schloss eine Vielzahl an Versicherungen ab, welche Figo für den Fall, dass Pérez nicht gewählt werden sollte, mit hohen Summen entschädigen sollte. Diese Entschädigungen bewegten Figos Agenten dazu, einen Vorvertrag zu unterzeichnen, weil er davon ausging, dass Pérez die Wahl nicht gewinnen würde und auf das Versicherungsgeld hoffte. Die Fans von Madrid reagierten auf die Versprechungen von Pérez mit einer Mischung aus Zweifel und Spannung, wählten den Bauingenieur zu ihrem neuen Präsidenten und Figo wurde ein Königlicher. Der FC Barcelona konnte nur tatenlos zusehen.
Zum damaligen Zeitpunkt waren die Königlichen hoch verschuldet. Die Sanierung des Clubs war die größte Baustelle des Ingenieurs in seinen Anfangsjahren und bewegte ihn zu seiner vermutlich wichtigsten Tat in seiner Zeit als Präsident. Pérez handelte einen Deal aus und konnte das Trainingsgelände von Real in der Innenstadt an finanzstarke Unternehmen für hohe Grundstückspreise zu verkaufen. Mit einem Schlag war Real finanziell wieder im Soll und besaß gar das nötige Kleingeld, das damals modernste Trainingsgelände der Welt vor den Toren der spanischen Hauptstadt zu errichten. Dass Pérez’ eigene Firma an allen betroffenen Neubauten mitverdiente, war für den Präsidenten ein gerngesehenes Zubrot. Der europäische Gerichtshof untersuchte dieses Geschäft, weil vermehrt Vorwürfe des Verstoßes gegen das europäische Beihilferecht laut wurden. Sanktionen wurden niemals ausgesprochen, die Untersuchungen eingestellt.
Pérez’ galaktisches Ensemble
Die Zukunft des Vereins war gesichert und Pérez hatte sich bereits ein Denkmal gesetzt, welches größer sein sollte, als jeder noch kommende Transfer. Und das, obwohl die erste Amtszeit von Pérez als die Epoche der „Galaktischen“ gilt. Mit Zinédine Zidane, Luis Figo, David Beckham oder auch Ronaldo wurden Spieler verpflichtet, die an Strahlkraft kaum zu übertreffen waren. Möglich wurde alles erst durch den Deal mit der Stadt, in dem Brachland zu Baugrund umgeschrieben wurde. Die vier Türme, welche heute auf dem ehemaligen Gelände Reals ranken, werden deshalb mit Augenzwinkern von der Bevölkerung Torre Zidane, Torre Figo, Torre Beckham und Torre Ronaldo genannt.
Der Sieg in der Championsleague 2002 und die Meisterschaft 2003 waren allerdings die letzten großen Erfolge des Ensembles. Es folgten drei lange Jahre ohne Titel für Real und harsche Kritik an den Transferaktivitäten von Pérez. Die überraschende Konsequenz war dessen Rücktritt im Jahr 2006. Ohne Pérez lief es bei Real auch nicht viel besser und sein Nachfolger, Ramón Calderón, musste nach gut zwei Jahren im Amt seinen Hut nehmen, weil er in Verdacht geraten ist, eine Delegiertenversammlung manipuliert zu haben. Das öffnete wieder die Tür für Pérez, um einen zweiten Anlauf als Retter zu nehmen. Im Juni 2009 kehrte Pérez als Präsident bei Real zurück.
Comeback bei den Königlichen und Galácticos 2.0
Der Durst nach der langersehnten „Décima“ war immer noch nicht gestillt und andere Präsidentschaftskandidaten hatten nicht das vorgesehene Eigenkapital von 57 Mio. € aufbringen können. Das neue Wahlversprechen von Pérez: Nichts Geringeres als aus Real ein „Element der Illusion und der Träume“ zu machen. Wie bei seinem ersten Anlauf startete Pérez getreu dem Motto „jedes Jahr einen Superstar“ verpflichten zu wollen. Nach nur zwei Monaten hatte er Ronaldo, Kaká, Benzema und Xabi Alonso in die spanische Hauptstadt geholt. Es war ein Comeback mit Pauken und Trompeten für Pérez. Nur der Championsleague-Titel sollte nicht gewonnen werden. Daran änderte auch die Verpflichtung von Startrainer José Mourinho nichts. Im Gegenteil, 2013 wurde der Vertrag mit dem Portugiesen aufgelöst und Real stand mit einer zerrütteten Mannschaft vor einem Scherbenhaufen. Pérez’ Projekt schien zu scheitern.
Mit Carlo Ancelotti, holte Florentino Pérez jedoch genau den richtigen Mann, um diese Mannschaft wieder auf die Beine zu bekommen. Gleich im ersten Jahr sicherte der Italiener den langersehnten Championsleague-Pokal. Seit dieser Zeit hat man als objektiver Betrachter der Geschehnisse in Madrid eine gewisse Besonnenheit bei den Aktivitäten von Pérez beobachten dürfen. Die Marschroute, jedes Jahr einen neuen Star verpflichten zu wollen, wurde zunehmend aufgelockert. Der Transfer von Gareth Bale ist eher als Ausnahme zu werten. Wilde Transfers überlässt Real mittlerweile eher den „Scheichclubs“, wie Paris St. Germain. Nun baut man vermehrt auf junge Spieler mit Entwicklungspotential. Pérez und Trainer Zidane scheinen einen neuen Weg eingeschlagen zu haben. Man könnte von einem Wandel in der Denkweise von Pérez und damit auch in der Philosophie von Real sprechen. Aber ist das tatsächlich so?
Wie tickt Pérez?
Als Chef der ACS, der größten Baufirma des Landes und der zweitgrößten der Welt, wird Pérez zu den 100 reichsten Menschen der Erde gezählt. Er besitzt großen Einfluss auf Wirtschaft und die Politik, manche sehen ihn als den heimlichen König Spaniens. In den Logen des Bernabéus soll er die Geschicke des Landes ziehen, so sieht es zumindest der Verteidiger des FC Barcelona, Gerard Piqué. Hochrangige Politiker sind regelmäßig zu Gast in der Parade der Etablierten bei den Heimspielen Reals. Sein starkes Netzwerk befeuert Kritik, verursacht Verschwörungstheorien. Gerade von Seiten des ewigen Rivalen, dem FC Barcelona, wird der gute Draht des Real-Präsidenten in die Büros der Politiker vorgeschoben, wenn der FC Barcelona vermeintlich ungerecht behandelt wird. Piqué monierte, dass die Machenschaften im Bernabéu zur Ungleichbehandlung ähnlicher Steueraffären von Messi und Ronaldo führen sollen. Solche Vorwürfe sind kein Einzelfall.
Für Pérez sind die angeblich sinisteren Machenschaften in den Logen ein Mythos. Unbestritten ist allerdings sein extrem gutes Netzwerk aus Wirtschaft und Politik, welches er auch zu nutzen weiß. Nach seinem Abschluss arbeitete der junge Pérez im Städtebauamt von Madrid. Zwischenzeitlich wandte er sich auch der Politik zu, hatte aber zunächst nur bescheidenen Erfolg. Dennoch brachte er es bis zum Generalsekretär der neu gegründeten demokratischen Reformistenpartei (PRD). Doch erst ein weiterer Sinneswandel auf seinem Karriereweg wird als der heutige Grundstein seines Erfolges gewertet. Mit ein paar Freunden übernahm er das Bankrotte Unternehmen Padrós. Er machte das Bauunternehmen wieder profitabel und nutzte den immensen spanischen Bauboom in Spanien zu dieser Zeit aus, um zu einem großen Player heranzuwachsen. 1993 folgte der Zusammenschluss von Padrós mit einem anderen Unternehmen und das heutige ACS war geboren.
Kontrolle der Medien
Was sich tatsächlich bei den Geschäften Pérez’ abspielt, wissen die Wenigsten. Der Präsident wirkt bei Real jedoch als allmächtig, wurde von Club-Legende und ehemaligem Vize-Präsidenten Reals, Emilio Butragueno, als „höheres Wesen“ bezeichnet. So wirken auch seine Machenschaften. Wie eine graue Eminenz herrscht er über Real. Er kontrolliert die Medien, brachte die stets realnahe Marca, welche sich zwischenzeitlich ein wenig distanziert hatte, wieder dazu im Sinne des Club-Präsidenten zu berichten. Der vereinseigene Reporter von El País, Spaniens renommiertester Zeitung, wurde ausgetauscht, weil er zu genau hinter die Kulissen Reals gesehen hatte. Dass der Chefredakteur der Zeitung in den Logen des Bernabéus gesichtet wurde, nährt die Gerüchteküche und passt in das Schema. Häufig sind hochrangige Persönlichkeiten auf Realss Ehrentribüne zu sehen. Pérez versammelt die wichtigen Personen dort um sich und steuert so sein Régime.
Vor wenigen Monaten kam ans Licht, dass Pérez das fiktive Online-Portal „Diario Bernabéu“ finanzierte, um auf den ehemaligen Trainer Carlo Ancelotti Druck auszuüben. Die Message dahinter ist klar: Pérez’ Interessen sollen durchgesetzt werden, sein Gesicht dabei gewahrt bleiben. Fiktive Journalisten erledigten die Arbeit für den Präsidenten. Auch die Clubinterne Opposition wurde mit diesem Medium diskreditiert – mittlerweile ist es eingestellt. Was bleibt, ist das Gefühl, dass Pérez stets die Fäden in der Hand hält. Egal wo, egal wie! Gibt es doch einmal kritische Stimmen, werden sie im Keim erstickt. Die Supporter-Gruppe „Ultrasur“, welche einst Pérez mit Pfiffen bedacht hatte, spürte das am eigenen Leib. Pérez wartete auf den richtigen Zeitpunkt, pickte sich Vorkommnisse innerhalb der Gruppe in Zusammenhang mit Gewalteinfluss heraus und stellte die Gruppe öffentlich an den Pranger. Im Stadion ist „Ultrasur“ seitdem nicht mehr zugange. Pérez wurde dafür in der Presse sogar gefeiert. Ungeachtet, dass ähnliches Verhalten anderer Gruppierungen stets geduldet blieb.
Was bleibt?
Seit er im Sattel bei den Königlichen sitzt, hat Real Madrid seinen Status als den größten Fußballclub der Welt stets untermauert. Die Umsätze hat er seit dem Jahr 2000 vervierfacht. Es gibt nichts, was nicht durch Pérez vermarktet wurde. Real ist zu einer wahren Marketingmaschine geworden, die in der Fußballlandschaft höchstens noch in Manchester United Ihresgleichen findet. Selbst ein Kreuz im Clubwappen musste bereits weichen, um Real besser in den islamisch geprägten Regionen der Erde verkaufen zu können. Nach außen hin scheint Real noch immer der Club zu sein, in dem die Mitglieder ihr Präsidium wählen, wie beim Dorfverein von nebenan. Blickt man etwas intensiver auf die Strukturen erkennt man aber zügig, dass Pérez die Geschicke des Vereins nicht nur lenkt, wie in einem Unternehmen, sondern dass Florentino Pérez einen Konzern des Fußballs geschaffen hat. Mit seinen verdeckten Machtspielen stärkt er immer weiter seine Position. Der Verein liegt ihm zu Füßen.


