Gut die Hälfte der Saison wurde in Spanien bislang absolviert, die nächsten Spiele in Pokal und Liga finden Anfang Januar statt. Zeit für uns, ein Zwischenfazit zur bisherigen Leistung des FC Sevilla zu ziehen.
Es ist erst gut sieben Monate her, als sich der FC Sevilla in einem packenden Europa League-Endspiel gegen den FC Liverpool das dritte mal in Folge den Sieg in diesem Wettbewerb sichern konnte. Und trotzdem hat sich seit jenem 18. Mai 2025 viel verändert bei den Andalusiern. Die Taktgeber Krychowiak und Banega verließen den Klub nach Paris bzw. Mailand, Topstürmer Gameiro schloss sich gar dem Ligarivalen Atlético an. Auf der anderen Seite stießen viele namhafte Neuzugänge zum Klub: die Kreativspieler Nasri, Ganso und Kiyotake, die Stürmer Ben Yedder und Vietto sowie die Offensivallrounder Vázquz und Correa. Als wäre dieser Umbruch nicht schon Herausforderung genug, wechselte mit Unai Emery auch noch der Erfolgcoach der letzten Jahre zu PSG. Seinen Job übernahm ein gewisser Jorge Sampaoli.
Sampaoli bringt neuen Schwung
Und der 56-jährige Argentinier war genau der Coach, den sie in Andalusien brauchten: ohne Rücksicht auf die etablierten Namen und teuren Neuzugänge versuchte sich Sampaoli an dem Experiment, den FC Sevilla zu einer ähnlich starken Einheit zu machen, wie ihm das mit der chilenischen Nationalelf gelungen war. Er implementierte ein neues Spielsystem, wechselte in der Hinrunde zwischen Dreier- und Viererkette und legte den Schwerpunkt seiner Arbeit auf konsequentes Pressing. Dass dieser Übergang nicht völlig reibungslos von statten gehen würde, zeigte sich zu Saisonbeginn. Den UEFA Supercup verlor das neu formierte Team knapp gegen Real Madrid mit 2:3, um dann am ersten Spieltag zu Hause Espanyol mit 6:4 zu besiegen. Kritiker, die schon Sorgen hatte, zur Schießbude der Liga zu werden, wurden am zweiten Spieltag durch ein 0:0 beim starken FC Villarreal eines besseren belehrt.
Hervorragende Leistungen in der Champions League
Während das Team in der Liga immer besser in die Spur fand und schon um den 10. Spieltag herum den Anschluss zur Spitze herstellte, überzeugte Sevilla auch in der Champions League. Während der sechs Gruppenspiele entpuppte sich Sampaolis Mannschaft als ernsthafter Konkurrent für Juventus Turin um den Gruppensieg. Dass sich Juventus diesen ausgerechnet am 5. Spieltag in Sevilla sicherte, lag dabei weniger an der Schwäche Sevillas, als an den abgezockten Italienern und einem unglücklichen Spielverlauf. Im letzten Gruppenspiel bei Olympique Lyon (0:0) musste Sevilla nochmal zittern, doch der Einzug ins Achtelfinale ist in trockenen Tüchern. Dort wartet nun Leicester City.
Nasri und N’Zonzi stechen heraus
Aus dem starken Kollektiv der Andalusier einzelne Spieler herauszuheben, fällt schwer. Dennoch waren Samir Nasri und Steven N’Zonzi zwei der prägendsten Figuren der bisherigen Saison. Nasri wurde kurz vor Transferschluss von Manchester City ausgeliehen. Sehr zur Verwunderung von Präsident José Castro. Dieser hielt den Plan von Sportdirektor Monchi zur Verpflichtung des Franzosen schlicht für „verrückt“. Doch Nasri kam tatsächlich nach Sevilla – und zieht jetzt die Fäden im Mittelfeld. Der Franzose ist dabei das Bindeglied zwischen Mittelfeld und Sturm und sorgt mit seinen Geistesblitzen für die wichtigen Überraschungsmomente im ansonsten bis ins Detail durchorganisierten Sampaoli-System. Den defensiven Part im Mittelfeld bzw. die Rolle des hinteren Aufbauspielers übernimmt N’Zonzi. Der groß gewachsene Franzose verliert kaum Bälle, ist körperlich stark und glänzte auch schon als Torschütze nach schönem Sololauf beim Heimsieg gegen Atlético Madrid. Unter anderem deshalb steht Sevilla an der Spitze der Heimtabelle – noch vor Real oder Barcelona.
Abhängigkeit von Nasri
Bei allen positiven Aspekten finden sich im Spiel der Andalusier auch negative Punkte. Speziell auswärts ist das Team noch nicht in der Lage den intensiven Fußball zu spielen, den Coach Sampaoli sehen will. Daneben zeigte sich in der Hinrunde eine gewisse Abhängigkeit von Regisseur Samir Nasri. Als der Franzose verletzungsbedingt einige Wochen ausfiel, fehlte dem Spiel der Glanz und die Siege wurden mühsam errungen. Manchmal enttäuschte Sevilla auch komplett und verlor Spiele wie bei Schlusslicht Granada (1:2). Hier muss Sampaoli in der kurzen Winterpause den Hebel ansetzen und das Team – speziell auswärts – noch konstanter machen.
Schweres Programm zum Start ins neue Jahr
Wohin die Reise des FC Sevilla in dieser Saison noch geht, wird sich auf nationaler Ebene wohl früh zeigen. Am 4. Januar gastiert das Team bei Real Madrid zum Achtelfinal-Hinspiel in der Copa del Rey, es folgt die Auswärtspartie in der Liga bei Real Sociedad. Am 12. Januar steht das Rückspiel gegen Madrid an, die nur drei Tage später dann als Liga-Gegner ins Stadion Ramón Sánchez Pizjuán kommen. Wohin also geht die Reise des Klubs in dieser Saison noch? Ein Blick auf die Champions League macht den Fans Mut. Schafft Sampaolis Mannschaft die Hürde Leicester City und zieht ins Viertelfinale ein, dann dürfen sie in Sevilla wieder träumen. Und zwar ausnahmsweise nicht vom Europa League-Titel, sondern diesmal vom ganz großen Wurf: Dem Henkelpott.


