Mexiko hat eine große Tradition im Fußball: Zwei Weltmeisterschaften richteten die Zentralamerikaner aus, zudem sind sie Dauergast bei der WM. Chefutbol war im Land der Azteken und hat sich natürlich zwei Fußballspiele nicht entgehen lassen. Hier lest ihr den zweiten Teil unseres Exkursionsberichts vom Spiel der UNAM Pumas gegen die UANL Tigres.
Ein Tag nach dem Spiel zwischen América und den Tigres steht ein “Katzenduell” an: Die UNAM Pumas gegen die Tigres UANL (ohnehin ist die mexikanische Liga eine tierische Angelegenheit: Vertreten sind in Vereins- oder Rufname Pumas, Tiger, Wölfe, Hunde, Adler und Ziegen). Anstoßzeit ist 12 Uhr, in der Mittagshitze von Mexiko-Stadt. Es ist ein sehr attraktives Duell: Der populäre Universitätsklub aus dem oberen Tabellendrittel – dessen Jerseys man in der Stadt vielleicht nicht so oft sieht wie die von America, aber dennoch oft genug – gegen den amtierenden Meister. Zudem haben beide Klubs ehemalige Bundesligaprofis unter Vertrag: Die Pumas den Ex-Mainzer Nicolas Castillo und den früheren Hamburger Last-Minute-Retter Marcelo Díaz, die Tigres den Ex-Hoffenheimer Edu Vargas sowie den (letztlich nicht eingesetzten) Kurzzeitgladbacher Timothée Kolodziejczak.
Die Pumas spielen im Olympiastadion, das unter anderem bei der Olympiade 1968 und der Weltmeisterschaft Spielstätte war. Es liegt wie das Aztekenstadion im Süden der Stadt und fasst 72.000 Plätze. Leider ist der Anschluss an das Verkehrsnetz weniger gut, die letzte Strecke wird aus Zeitnot per Taxi zurückgelegt. Kurz vor dem Anpfiff komme ich am Stadion an, dann der Schock: Die Schlange hier ist noch weitaus länger als vorm Aztekenstadion. Immerhin: Sie bewegt sich ziemlich flott. Geht der Kartenverkauf hier etwa so viel schneller? Nein, entdecke ich – die Kassenhäuschen sind geschlossen. Ein Schlag in die Magengrube, denn um Onlinetickets habe ich mich nur sehr halbherzig bemüht; so oft war ich in Lateinamerika im Stadion gewesen, außer bei Länderspielen und Clásicos hatte ich nie zuvor Karten besorgt. Was tun? Nun ja, wie schon bei América gab es Verkäufer, die Eintrittskarten loswerden wollten – natürlich gegen einen saftigen Aufpreis: 300 Pesos fordert mein Mann für die Kurve. Ich hätte gerne einen Platz seitlich, sage ich. “Klar, kein Problem – 400 Pesos”. Na gut, was sein muss, muss sein. Auf der Karte lese ich dann: 185 Pesos hatte sie ursprünglich gekostet. Aber keine Zeit zum Ärgern, ab in die Schlange. Die ist nämlich für die Einlasskontrolle und windet sich über hundert Meter weit über den Parkplatz. Bei Eis und Musik vertreiben sich die Leute die Zeit, von drinnen kommt ein Schrei – Tor? Keiner der Umstehenden weiß das so genau. Erst eine halbe Stunde später – und auch ziemlich genau eine halbe Stunde nach Anpfiff – bin ich drin und darf mich erst einmal ärgern. Erstes Problem: Meine versprochene Karte für die Mittellinie (lateral) ist in wahrheit eine general – es herrscht freie Platzwahl von hinterm Tor bis zur Mittellinie, die Karte für 300 Pesos wäre die gleiche gewesen, die 100 Pesos waren ein Aufschlag für naive Gringos. Zweitens: Die Plätze sind quasi alle belegt, es herrscht höchst eingeschränkte Sicht direkt hinter den Banden oder hinterm Tor (ich wähle eine Bande Richtung Eckfahne, wo zumindest keine Polizisten im Sichtfeld stehen, man aber das gegenüberliegende Eck des Spielfelds nur erahnen oder auf dem Bildschirm verfolgen kann). Drittens: Das erste Tor habe ich tatsächlich verpasst, die Pumas führen mit 1:0.
Gute Laune, starke Pumas
Dennoch bin ich mit mir und diesem Spiel schnell im Reinen: Die Sonne scheint, das Spiel ist unterhaltsam, das Stadion mit seinen schönen Schwüngen hat Charme, und die Stimmung ist um Klassen besser als bei América. “Goya, Goya Cachún Cachún Ra Ra – Universidad” hallt es immer wieder aus den Kurven, aus meinem Block und von der oberen Tribüne. Es ist ein klassischer Schlachtruf der Universidad Autonoma de México (UNAM), einer Universität von Weltrang. Bald darf ich dann auch einen Torjubel von innen miterleben: Rechtsaußen Pablo Barrera setzt den sehr auffälligen Matías Alustiza in Szene, der Stürmer lupft den Ball über den herauseilenden Nahuel Guzmán ins Tor. Soweit ich das mit meiner späten Ankunft und aus meiner verzerrten Perspektive beurteilen kann, ist das verdient: Die Pumas verteidigen in einem hitzigen Spiel konzentriert und kontern gefährlich, orchestriert vom Linksfuß David Cabrera, der im zentralen Mittelfeld neben dem unauffälligen Marcelo Díaz aufläuft. Kurz vor der Pause scheitert der spanische Innenverteidiger der Pumas, Alejandro Arribas, per Kopf am Pfosten – er hatte auch das 1:0 erzielt, erfahre ich später. Die Angriffe der Tigres werden dagegen inspirationslos vorgetragen. Dementsprechend gut ist die Stimmung auf der Tribüne, die fast vollständig gefüllt ist – dennoch quetschen sich immer wieder Verkäufer durch die Menge, die wie bei America Essen und Getränke dabei haben, hier aber auch zahlreiche Fanaccessoires.
Jürgen Damm oder der mexikanische Odonkor
Schlechter gelaunt ist dagegen Tigres-Coach Ferretti und reagiert mit gleich drei Wechseln zwischen der 43. und 46. Minute. Der deutschstämmige Rechtsaußen Jürgen Damm, der Ex-Hoffenheimer Eduardo Vargas und Linksverteidiger Alberto Acosta sollen das Spiel beleben. Tatsächlich macht besonders Damm viel Alarm – spielt dabei aber ein David-Odonkor-Gedächtnismatch: Die Dribblings und blitzschnellen Antritte enden immer wieder im Toraus, mit Glück mit einer Ecke. Und alles, was tatsächlich in den Strafraum fliegt, wird vom Innenverteidiger-Duo der Pumas in einer Art auf die Tribüne gedroschen, dass Jürgen Kohler stolz wäre (was in mehr als einem deutschen Stadion begeistert gefeiert würde, wird hier nur zur Kenntnis genommen. Wirklich geschätzt werden technische Kabinettstückchen). Die Pumas dagegen sind dem 3:0 mehrmals nahe: Matias Alustizas Kunstschuss nach einem hanebüchenen Ausflug des Tigres-Keepers wird vom halben Stadion als Treffer bejubelt, war aber am Außennetz gelandet, und bei einem harten Einsteigen im Sechzehner gegen Nico Castillo lässt der Schiri sehr zum Zorn der Pumas-Anhänger weiterlaufen. Diese können aber nicht nur wüten, sondern liefern über das gesamt Spiel auch einen astreinen Support ab, ohne dass es eine erkennbare hierarchische Ordnung gäbe. Die zahlenmäßig durchaus ansehlichen Kollegen von Tigres bemühen sich nach Kräften, dagegenzuhalten, werden aber von der Akustik des Stadions nicht unterstützt – und auch nicht von ihrer Mannschaft: Die Versuche von Jürgen Damm und Enner Valencia bleiben isoliert und schlampig in der Ausführung, die Kollegen, darunter André-Pierre Gignac und Vargas, verschwinden meist völlig in der dichten Defensive der Tigres. Diese hätten das Spiel durchaus höher als mit 2:0 gewinnen können, werden aber bei aller technischen Qualität selbst zu inkonsequent im Konterspiel – exemplifiziert durch den für den verletzten Alustiza gekommenen Argentinier Mauro Formica und den etwas glücklosen Nico Castillo. Trotz dieser Schlampigkeiten gerät der Sieg nie in Gefahr.

Flasche voll oder Flasche leer? Jürgen Damm erwischte einen schlechten Tag
Am Ende des Tages haben die UNAM Pumas gewonnen: Das Duell mit dem amtierenden Meister und viele Sympathiepunkte. So viele, dass ich nun eine Pumas-Basecap mein Eigen nennen darf. Die starke Leistung wirkt auch in der Tabelle, in der die Gastgeber in der Spitzengruppe verbleiben, während die Tigres leicht zurückfallen. Richtig wichtig ist das aber nicht: Die Meisterschaft wird in einem Play-Off-System ausgespielt, für das sich die ersten acht Teams qualifizieren. Das sollten beide Mannschaften erreichen.


