Nach mehreren tätlichen Vergehen gegenüber den Schiedsrichtern in den Pokal-Achtelfinalspielen unter der Woche haben die Unparteiischen in Mexiko den 10. Spieltag bestreikt und die Absage aller neun Erstligaspiele bewirkt. Auch zwei Tage nach der Entscheidung sind die Fronten zwischen der nationalen Schiedsrichtervereinigung AMA sowie dem Ligaverband FMF verhärtet, ein Fortgang des Streiks ist nicht ausgeschlossen.
Am Freitagabend um 19.30 Uhr Ortszeit war im Estadio Luis Pirata Fuente zu Veracruz bereits alles für den Auftakt des 10. Spieltags bereitet, die Mannschaften befanden sich in den Katakomben, die Schiedsrichter hatten eine erste Inspektion des Innenraums hinter sich gebracht. Doch wenig später, rund eine Stunde vor Spielbeginn, entschloss sich das Gespann um Luis Enrique Santander, das Stadion zu verlassen und auf die Leitung des Kellerduells zu verzichten. Vorausgegangen war eine Pressekonferenz des mexikanischen Verbandes eine Stunde zuvor, auf der die Sperren gegen Américas Pablo Aguilar und Tolucas Enrique Triverio verkündet wurden, nachdem beide unter der Woche gegenüber den jeweiligen Unparteiischen handgreiflich geworden waren.
Auf der Veranstaltung, die der Verband kurzfristig anberaumt hatte, machte der Präsident der Disziplinarkommission, Eugenio Rivas, die Sperren über zehn Spiele gegen Aguilar und acht Spiele gegen Triverio offiziell, da diese sich des „Versuchs eines Angriffs“ schuldig gemacht hätten. Die auf den ersten Blick harten Sanktionen waren die Folge eines versuchten Kopfstoßes Aguilars gegenüber Schiedsrichter Miguel Ángel Flores sowie des Schubsers von Triverio gegen Spielleiter Fernando Hernández Gómez im Achtelfinale des nationalen Pokals unter der Woche. Mit der Urteilsbegründung, die im Wortlaut lediglich einen „Versuch“ ahndete, umging der Verband das eigentlich festgelegte Strafmaß von einem Jahr Sperre im Falle eines Angriffs auf die Offiziellen, veränderte zu diesem Zweck sogar den Originalbericht des Schiedsrichters.
Aufstand der Referees
Die darauffolgende Entscheidung zur Spielabsage in Veracruz durch Schiedsrichter Luis Enrique Santander war allerdings keine Kurzschlussreaktion, sondern vielmehr ein durch die Schiedsrichtervereinigung vorbereiteter, angekündigter Schritt. In einer Stellungnahme ließ die AMA verlauten, sie wolle „klarstellen, dass die Situation bereits im Voraus an den Präsidenten der Schiedsrichterkommission, Héctor González Iñárritu, herangetragen wurde, damit dieser entsprechende Konsequenzen ziehen kann.“ Im gleichen Statement gaben die Schiedsrichter bekannt, dass „der einzige Grund, warum die Spiele des zehnten Spieltags nicht angepfiffen werden, jener ist, dass die Strafen gegenüber Pablo Aguilar und Enrique Triverio nicht auf Grundlage des Strafkatalogs und unter Missachtung des Schiedsrichterberichts getroffen wurden.“ Abgeschlossen wurde das Dokument mit dem Ausspruch „unidos por un bien común“, „vereint für ein Gemeinwohl“, den die Vereinigung seit geraumer Zeit als ihr Motto verwendet.
Zwei Tage lang herrschte auf den offiziellen Kanälen Funkstille. Die Schiedsrichter, die sich am Samstag zu einer vierstündigen Versammlung hinter verschlossenen Türen trafen, verweigerten jegliche Auskunft. Der ansonsten äußerst lebendige Twitter-Account des mexikanischen Verbandes stand zunächst still, verkündete am späten Sonntag-Nachmittag dann aber immerhin einen ersten Schritt der Annäherung: Da die Unparteiischen angekündigt hatten, bei ihrer Linie bleiben zu wollen, habe der Verband den Einspruch der Schiedsrichterkommission gegen die ihrer Meinung nach zu geringen Sperren angenommen. Am Montag werde die Berufungskammer „zusammenkommen, die vorgelegten Beweismittel analysieren und ein entsprechendes Urteil fällen.“
Polemische Entscheidung
So wenig ein Konsens zwischen den beiden Streitparteien besteht, so weit gehen auch die Meinungen über die Vorkommnisse der letzten Tage auseinander. „Nach den traurigen Vorkommnissen, die in den letzten Tagen im mexikanischen Fußball passiert sind, haben die Schiedsrichter das gleichermaßen Richtige wie Notwendige getan“, sprach etwa Cruz Azuls Trainer Paco Jémez seine vollste Unterstützung aus. Während Ricardo Salinas, Besitzer von Atlas Guadalajara und Monarcas Morelia, einen Mittelweg wählte und sowohl den Spielern als auch den Schiedsrichtern Vorwürfe machte, reagierten viele Anhänger kritisch auf die Reaktion der Unparteiischen und kritisierten eine überzogene Haltung und wenig Einsichtigkeit nach eigenen Fehlern.
Doch eine klare Bewertung fällt auch mit der nötigen Distanz schwer. So ist die Haltung der Schiedsrichter grundsätzlich verständlich, ohne entsprechend konsequentes Ahnden bei Missachtung der Regeln leidet die Autorität der Unparteiischen, die sich in letzter Zeit ohnehin auffallend häufig massiven Protesten gegenübersahen. Das nachträgliche Ändern der Berichte ohne Autorisierung durch die Schiedsrichter ist zudem ein gravierender Vertrauensbruch von Seiten der Disziplinarkommission. Andererseits bewegten sich die Fehltritte von Pablo Aguilar und Enrique Triverio bei aller Überzogenheit tatsächlich gerade noch an einer Grenze, an der sich eine Abkehr von der Höchststrafe begründen ließe. Aguilar stürmte wutentbrannt auf den Schiedsrichter zu, streifte ihn aber nur leicht mit dem Kopf.
Triverio, der sich am Samstag öffentlich entschuldigte und „beschämt“ zeigte, leistete sich einen Schubser gegen die Brust, vermied aber einen klaren Stoß.
Dass seine Teamkollegen den Unparteiischen anschließend minutenlang derart massiv bedrängten, dass dieser sich in den verbleibenden zehn Minuten nicht einmal mehr traute, Gelbe Karten gegen das bereits auf acht Mann dezimierte Toluca zu zeigen, ist zwar ein alarmierendes Zeichen für den fehlenden respektvollen Umgang, darf in der Bewertung des Einzelvergehens allerdings keine Rolle spielen.
Dementsprechend stehen allen Beteiligten in den kommenden Tagen und Wochen schwere Aufgaben bevor. Der Verband muss sich einen Kompromiss mit den Schiedsrichtern einfallen lassen, die ihrerseits in Zukunft unter noch stärkerem Druck und intensiver Beobachtung stehen werden. Den größten Schaden trägt in der gesamten Angelegenheit der mexikanische Fußball selbst davon, der nach den Gewalttaten in Veracruz vor wenigen Wochen ohnehin schon in die Negativschlagzeilen geraten war. Schadensbegrenzung ist nur dann möglich, wenn aus der Angelegenheit die richtigen Schlüsse gezogen werden und in Zukunft wieder miteinander statt aneinander vorbei gearbeitet wird. Das Credo „vereint für ein Gemeinwohl“ sollte dabei allen Beteiligten als Leitlinie dienen.

