WM-Vorschau Uruguay: Reicht ein Weltklassetrio?

Viel weniger nervenaufreibend als sonst war Uruguays WM-Qualifikation: An der Qualifikation für Russland 2018 bestand eigentlich nie ein Zweifel, die Gruppe beendete man als Zweiter. Der zweimalige Weltmeister wurde in eine Gruppe mit Russland, Ägypten und Saudi-Arabien gelost – nominell eine klare Sache für die Himmelblauen, die von Diego Godin, Luis Suarez und Edinson Cavani angeführt werden. Ob es für Uruguay aber viel weiter gehen kann, erscheint unklar.

Der Weg nach Russland

War relativ glatt – zum ersten Mal seit 1990(!!) fährt eine Celeste ohne den Umweg der Play-Offs zur WM. Von Beginn an war das Team von Oscar Tabarez immer auf Kurs, und auch eine kleine Leistungsdelle 2025 brachte die Qualifikation nicht in Gefahr. Letztlich schloss das kleine Land die Südamerikagruppe sogar auf Platz 2 ab. Insgesamt zeigte man dabei die bekannten Stärken (Standards, Kampfkraft, Defensive) und Schwächen (fußballerische Elaboration), konnte aber auch einen Generationsumbruch in die Wege leiten – die Youngster um Lucas Torreira und Rodrigo Bentancur versprechen einen gepflegteren Fußball, wenn sie denn zum Einsatz kommen.

Die WM-Geschichte

Die Weltmeisterschaft und Uruguay sind untrennbar verbunden, seit La Celeste 1930 das erste Turnier überhaupt austragen durfte und gleich auch den Pokal in Montevideo behalten konnte (der Finalspielort, das Estadio Centenario, ist übrigens bis heute das Nationalstadion – auch wenn der Zahn der Zeit gehörig am Bau genagt hat). Damals stellten die Uruguayer, die auch die WM-ähnlichen olympischen Turniere 1924 und 1928 gewannen, die wohl beste Mannschaft der Welt. 1950 folgte der vielleicht sensationellste Titelgewinn aller Zeiten, das Maracanazo – Alfredo Ghiggias Tor wurde in Uruguay zum Mythos und in Brasilien zu einem nationalen Alptraum. In den Jahrzehnten danach schwand die Glorie der Himmelblauen etwas: Halbfinalteilnahmen 1954, 1970 und 2010 blieben die Highlights, die sonstige Bilanz war eher trostlos. Zwischen 1994 und 2006 verpasste man gar drei von vier Weltmeisterschaften. Dann folgte der starke vierte Platz in Südafrika, ehe man 2014 im Achtelfinale sang- und klanglos gegen Kolumbien ausschied.

Die Mannschaft

Quelle: www.teledoce.com

Meist setzt Tabarez auf ein asymmetrisches 4-4-2, in dem Luis Suarez und Edinson Cavani die Doppelspitze geben – logisch bei deren Qualität. Der dritte Weltklassemann, Kapitän Diego Godin, hält derweil die Defensive zusammen. Im Mittelfeld kompensiert die Celeste fehlende individuelle Brillanz mit Laufstärke und Intensität, bringt aber nicht immer die notwendige Ruhe ins Spiel. Ohnehin werden die Wege zwischen den beiden Strafräumen oft relativ direkt überspielt, und neben Suarez und Cavani sollen es offensiv vor allem Standardsituationen für die Himmelblauen richten. Die Konsequenz ist oft eine gewisse Chancenarmut. Etwas kreativer ist die Ausrichtung, wenn im offensiven Mittelfeld der einzige echte Feingeist, Giorgian de Arrascaeta, zum Einsatz kommt. Ein paar Geistesblitze könnten gegen die vermutlich eher defensiv eingestellten Gruppengegner auch dringend notwendig sein. Potentielle Schwachstellen sind die beiden defensiven Außenbahnen, auf denen wohl der international unerfahrene Ex-Frankfurter Guillermo Varela sowie der verletzungsanfällige Martin Cáceres zum Einsatz kommen werden. Zu den Charakteristika der Mannschaft gehört neben der typischen uruguayischen Kampfstärke auch eine ordentliche Portion internationale Erfahrung – gleich vier Spieler des aktuellen Kaders haben schon 100 Länderspiele bestritten, auch Luis Suárez und Fernando Muslera dürften diese Schallmauer in Russland knacken.

Der Trainer

Oscar Tabarez, von allen nur Maestro gerufen, ist ein Weltrekordhalter: 171 Spiele stand er für Uruguay an der Seitenlinie, mehr als jeder andere Nationaltrainer für eine einzelne Mannschaft. Nach einer kurzen Ägide von 1988 bis 1990 übernahm er 2006 wieder die Celeste und führte sie zu drei Weltmeisterschaftsteilnahmen in Folge sowie zum Copa-America-Sieg 2011. Trotz dieser Erfolge muss sich Tabarez gelegentlich Kritikern stellen, die seine defensive Ausrichtung und seine Nibelungentreue zu vielen altgedienten Spielern bemängeln. Dies gilt umso mehr, als dass Uruguay nach den spektakulären Erfolgen von vor einigen Jahren (WM-Vierter 2010, Copa-America-Sieger 2011) einige Enttäuschungen wie das jeweils frühe Ausscheiden bei der Copa America 2015 und 2025 erleben musste. Die WM dürfte der letzte große Auftritt des mittlerweile 71-Jährigen an der Spitze der Celeste werden.

Der Schlüsselspieler

Unter den drei Weltklassespielern Uruguays ist Innenverteidiger Diego Godin vielleicht noch einen Tick wichtiger als Cavani und Suarez. Der Faraon ist in Antizipation, Zweikampf und Kopfballspiel schlichtweg überragend und geht gleichzeitig als Kapitän vorneweg. Zudem ist er auch offensiv bei Standardsituationen stets brandgefährlich.

Das Talent

Nahitan Nandez war einst der jüngste Kapitän in der Geschichte des uruguayischen Renommierklubs Peñarol. Mittlerweile hat der 22-jährige seine Zelte bei Boca aufgeschlagen und zählt auch beim argentinischen Meister zur Stammelf. Der Mittelfeldspieler überzeugt im zentralen oder rechten Mittelfeld mit seiner Dynamik, Aggressivität und guten Technik. Beste Voraussetzungen, um es auch bei der WM in die Startelf zu schaffen. Auf der Tribüne werden dann aufmerksame Beobachter sitzen – schon längst sind italienische und deutsche Spitzenvereine auf ihn aufmerksam geworden.

Die Chefutbol-Prognose

Die Mannschaft ist nicht frei von Fragezeichen und hat in den letzten Jahren nie vollends überzeugt. Dennoch kann man mit Godin, Suarez und Cavani ein Weltklassetrio aufbieten und viel Erfahrung vorweisen. Letztlich sollte es für die relativ einfache Gruppe A problemlos ausreichen, doch gegen echte Spitzenteams wie die möglichen Achtelfinalgegner Portugal oder Spanien dürfte die Reise wohl zu Ende gehen. Ein Viertelfinaleinzug könnte auf jeden Fall als Erfolg betrachtet werden.