Ferro Carril Oeste mag außerhalb Argentiniens ein relativ unbeschriebenes Blatt sein, ist jedoch im Lande selbst eine Institution. Der Vereinssitz liegt im Herzen von Buenos Aires und beherbergt noch zahlreiche weitere Abteilungen. Im Fußball war die erfolgreichste Zeit des aktuellen Zweitligaklubs in den 1980er Jahren, in denen man zwei Meisterschaften gewinnen konnte.
Ferro als Institution
Der Verein zählt ungefähr 45.000 Mitglieder und 17 Sparten mit weiteren Unterabteilungen. Dabei trainieren bei dem Klub aus dem Stadtteil Caballito seit jeher viele Fans anderer Vereine, da man so zentral in der Stadt gelegen ist. Die Fußballabteilung ist unüberraschenderweise immer noch die Wichtigste, doch rein sportlich gesehen haben ihr aktuell andere Sparten den Rang abgelaufen. Viele Sportler und Sportlerinnen anderer Disziplinen, die für Argentinien an Weltmeisterschaften oder den Olympischen Spielen teilnehmen, werden heute von dem Eisenbahnerverein gestellt. Neben der sportlichen Ausbildung ist Ferro im Land auch für die Förderung eines vorbildlichen Charakters bekannt. Ser de Ferro (von Ferro sein) steht auch heute noch für Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Disziplin und Korrektheit. Zudem herrschte und herrscht im Verein ein großartiger Zusammenhalt zwischen den einzelnen Abteilungen. Die glorreichste Zeit der Fußballabteilung war bereits vor über 30 Jahren, und laut Journalisten eine einzigartige Leistung.
1981 Doppelte Vizemeisterschaft
Die Leistung der Locomotora del Oeste ist deshalb so hoch anzurechnen, da sie ihre Titel in einer Zeit holte, in der ebenfalls alle anderen bekannten großen Klubs stark waren. Auch wenn die beiden Vizemeisterschaften im Jahr 1981 ein Fingerzeig an die Konkurrenz waren, hatten danach immer noch die wenigsten Leute den Verein auf ihrer Rechnung für die Meisterschaft. In den 80er Jahren wurden in Argentinien zwei Saisons pro Kalenderjahr ausgetragen. Die erste Saison hieß Torneo Metropolitano (Ligaformat), und dauerte von Februar bis August, und die zweite Spielzeit mit dem Namen Torneo Nacional (Liga + KO-Format) fing im September an und endete im Dezember. Im Jahr 1981 wurde man im Metropolitano Vizemeister, mit einem Punkt hinter den Boca Juniors, bei denen damals gerade Maradona spielte. Außerdem stellte man die beste Defensive mit nur 20 Gegentoren in 34 Spielen.
(Boca gegen Ferro 1981. Die sog. Lawine auf der Tribüne der Bombonera, nach einem Tor von Perotti)
Im anschließenden Torneo Nacional blieb der Truppe von Trainer Carlos Griguol wieder nur der undankbare zweite Platz, diesmal hinter River Plate, gegen die man sowohl im Hinspiel als auch im Rückspiel mit 1:0 verlor. In diesem Jahr stellte Oeste-Torhüter Carlos Barisio einen Rekord auf, der bis heute noch nicht gebrochen wurde. Er blieb insgesamt 1075 Minuten (11 Spiele und 65 Minuten) ohne Gegentreffer
1982 Früchte der Arbeit
Trotz der beiden emotional schwer verdaulichen zweiten Plätzen aus dem Vorjahr zeigte sich Ferro unerschrocken und holte 1982 den langersehnten Titel im Finale gegen Quilmes. Einen verdienteren Sieger hätte es schwerlich geben können, denn Ferro wurde ungeschlagen mit 16 Siegen und 6 Unentschieden, und einem Torverhältnis von 50:13 Meister. Außerdem wurde Miguel Ángel Juárez mit 22 Treffern Torschützenkönig. Mit dem ersten Titel der Vereinsgeschichte setzte man sich an den Tisch der großen Klubs, und Coach Griguol sagte nach dem Finalsieg:
„Dies ist das Ergebnis eines ernsten und verantwortungsvollen Planes. Nachdem das Nacional 1981 zu Ende war, dachte ich mir, dass wir 82 wieder um den Titel kämpfen würden, und ich habe mich nicht getäuscht. Wenn wir genauso weiterarbeiten, den Kader zusammenhalten können, und die selbe Hingabe zeigen, dann konnten wir nichts anderes als uns verbessern.“
Griguol war zweifelsfrei der Schlüssel zum Erfolg für Ferro Carril Oeste. Wie so viele Trainer die mit kleineren Vereinen erfolgreich im Zirkus der großen mitspielen, hatte er seine Ecken und Kanten; doch wer vermisst diese heutzutage nicht. Er war ein Disziplinfanatiker und ein großartiger Taktiker mit einem perfekten Spielverständnis. „Er erzählte dir unter der Woche wie es am Wochenende ablaufen würde, und so war es dann auch“, erinnerte sich Stürmer Alberto “Beto“ Márico. Er bereitete seine Mannschaft ausgezeichnet vor, und ließ sie so oft es ging zweimal am Tag trainieren. Ansonsten sprach er aber sehr wenig mit seinen Spielern, und diejenigen die nicht mit ihm zurechtkamen, wurden nicht glücklich unter ihm. Das Markenzeichen seiner Mannschaft waren frühe Tore, und die permanent offensiv spielenden Außenverteidiger, was zu einer Vorstufe des Pressings führte.
Im nächsten Jahr (1983) musste Ferro ein wenig Federn lassen, und man erreichte im Torneo Nacional nur das Achtelfinale, wo man gegen den späteren Meister Estudiantes de la Plata ausschied. Im Metropolitano landete man hinter Independiente und San Lorenzo auf dem dritten Platz.
1984 – 2. Meisterschaft
1984 konnte Ferro Carril den zweiten Meistertitel in seiner Geschichte gewinnen. Die Eisenbahner gewannen das Torneo Nacional in jenem Jahr durch zwei Finalsiege gegen River Plate, und revanchierten sich damit für die Finalniederlage von 1981. Dabei sorgte Ferro mit dem 3:0 Hinspielsieg im Estadio Monumental für einen Paukenschlag. Das Rückspiel vor eigenem Publikum im Estadio Arquitecto Ricardo Etcheverry gewann man mit 1:0, und machte den Titelgewinn perfekt. In der Presse war der erneute Sieg von Ferro mit Argwohn betrachtet worden, denn sie lieferten außer sportlichem Erfolg der aus harter Arbeit resultierte keine Schlagzeilen. Die Mannschaft spielte angeblich nicht attraktiv genug, und erzielte nicht so viele Tore wie andere. Aber gemäß der Phrase wurde sie mit einer sehr stabilen Abwehr Meister. Darüber hinaus spielten sie für argentinische Verhältnisse sehr fair, ohne zu provozieren, sowie ohne die sogenannte „picardía argentina bien estúpida“ (argentinische, dumme Hinterlistigkeit). Auch außerhalb des Platzes fiel man nicht auf, Ferro lieferte weder Skandale, noch gab es spektakuläre Spielerwechsel. Fast alle Spieler kamen aus der eigenen Jugendabteilung.
Eine weitere Stärke dieser Meistermannschaften war die zu Beginn beschriebene Institution Ferro Carril Oeste. Alle Spieler die dort waren, waren nicht wegen des Geldes dort, sondern weil sie sich wohl fühlten. Es existierte ein freundschaftliches Miteinander mit den ebenso erfolgreichen Sportlern/innen der anderen Disziplinen – im Volleyball und Basketball hat Ferro über 20 Meisterschaften – und man schaute sich gegenseitig bei den Spielen zu. Insgesamt der Traum eines jeden Trainers: Der Star war die Mannschaft, inklusive Teamgeist, und arbeits- und lernwilligen Spielern.
