Sanches
By Chensiyuan, via Wikimedia Commons

Renato Sanches – Das große Versprechen oder doch nur ein Missverständnis?

Im Sommer 2016 hatte Renato Sanches mit 18 Jahren vielleicht schon den Höhepunkt seiner Karriere zu feiern. Bei der EM zeichnete man ihn zum „Golden Boy“ aus und er wurde als jüngster Finalteilnehmer aller Zeiten Europameister. Am Erfolg seiner Portugiesen hatte er einen entscheidenden Anteil. Einige Monate später sieht seine Situation etwas anders aus. Ein Blick auf die Karriere des bulligen Mittelfeldmotors.

Nach dem kontinentalen Turnier in Frankreich war man in München begeistert. Nicht nur, weil man eines der begehrtesten Talente des europäischen Fußballs verpflichtete und damit auch anderen Großmächten des Fußballs den Rang ablaufen konnte. Ebenso hatte der junge Sanches von seinen Fähigkeiten überzeugt und seinen Marktwert erheblich steigern können. Die Bayern hatten trotz der Ablösesumme von 35 Mio. € ein “Schnäppchen” gemacht und einen Spieler an Land gezogen, welcher die Münchner Fußballzukunft maßgeblich prägen sollte. Bei den Bayern angekommen, überzeugte er jedoch nicht auf Anhieb und seine Karriere stagnierte – bisher zumindest.

Verschiedene Gründe für Karriereknick möglich

Vielleicht liegt es am Kometenhaften Verlauf seiner Karriere oder den großen Sprung, den er mit seinem Wechsel von Lissabon nach München gewagt hat. Den nächsten Schritt bleibt er bisher noch schuldig. Es kann zum Problem werden, wenn ein Spieler mit 18 schon am vermeintlichen Zenit steht und denkt es würde nun immer so weiter gehen. Nun erfährt er den kalten Gegenwind, der ihm in München ins Gesicht schlägt. Natürlich lasten viele skeptische Blicke auf ihm, übermäßig Zeit und Ruhe bekommt er beim Rekordmeister nicht, dafür sind die Bayern bekannt. Angefangen hat das schon mit der etwas abstrusen Diskussion über sein angeblich falsches Alter. Diese Debatte konnte zwar durch das Ergebnis eines Knochentestes ad Acta gelegt werden, dennoch wurden vermehrt kritische Töne über Sanches angeschlagen. Viele hatten sich mehr von ihm erwartet.

Die schillernde Erscheinung mit blondierten Rasta-Locken wurde stets von den Medien beachtet, wenngleich auch nicht sehr wohlgesonnen. Das Gewicht der Transfersumme und den Vorschusslorbeeren lastete auf seinen breiten Schultern. Die Debatte über sein Alter hatte vermutlich den Ursprung in Sanches’ Herkunft. Er ist Sohn einer saotomensisch-kapverdischen Einwandererfamilie. Sein Vater trennte sich von seiner Mutter, als Renato fünf Monate alt gewesen ist. Sanches’ Geburt wurde den Behörden erst fünf Jahre später gemeldet, als er getauft wurde. Sein tatsächlicher Geburtstag wurde schon früh in Frage gestellt. Aufgewachsen ist er in Musgueira, einem Problemviertel im Dunstkreis Lissabons. Es ist eine Gegend, in der viele afrikanische Einwanderer ein zu Hause gefunden haben. Bekannt für Reichtum ist dieser Wohnort jedoch nicht. Dort begann er auch das Fußball spielen, bis er schließlich als Elfjähriger zu Benfica Lissabon wechselte, dem Verein, von dem er heute noch sagt, er sei ein Fan.

Sein Herz schlägt noch weiter für Benfica

Renato Sanches macht kein Geheimnis daraus, dass er gerne in Lissabon geblieben wäre. Die 35, welche er bei den Bayern als Rückennummer trägt, steht auch für die Meistertitel, welche Benfica in Portugal gewinnen konnte. So ganz hat er Lissabon nicht verlassen. Er hat aber auch die große Chance gesehen, die mit dem Angebot aus München einhergegangen ist. Zum einen ist es ein großer Schritt auf der Karriereleiter gewesen, zum anderen wird er in München auch entsprechend entlohnt. Sein Gehalt nutzt der junge Portugiese auch, um seiner Familie in Lissabon zu helfen. Sein Ansporn ist mit dem vieler junger Talente aus ärmlichen Verhältnissen vergleichbar, welche ihren Weg in den europäischen Topfußball suchen, um ihren Angehörigen eine besseres Leben zu ermöglichen. Eine altruistische Einstellung, die auch zu Schwierigkeiten führen kann.

Man darf Sanches wohl kaum vorwerfen, dass er heimatverbunden ist. Dass er sich dermaßen zu seinem Ex-Verein bekennt und den Wechsel nach München selbst als heftig bezeichnet, macht es ihm an der Säbener Straße nicht gerade einfacher Fuß zu fassen. In Thiago, Costa und Rafinha hat er zwar Mitspieler, mit denen er auch in seiner Muttersprache kommunizieren kann, so ganz scheint er aber noch nicht angekommen zu sein. Sein Englisch gilt als ausbaufähig, weshalb auch Kommunikationsprobleme mit Trainer und anderen Mitspielern ein Faktor für das aktuelle Leistungstief sein können. Die Integration scheint ihm bisher noch nicht gelungen zu sein. Für einen Jungen, mit Wurzeln aus einer völlig anderen Kultur ist das aber auch weniger verwunderlich.

Sanches muss liefern – wenn er die Chance bekommt

Renato Sanches hat aber einen großen Vorteil. Er ist nach wie vor erst 19 Jahre alt. In diesem Alter wird man nicht einfach so Stammspieler bei den Bayern. Die Konkurrenz ist groß. Es bleibt ihm zu wünschen, dass die Verantwortlichen in München Geduld mit dem Portugiesen haben und er selbst sich nicht entmutigen lässt. An seiner körperlichen Robustheit wird es kaum scheitern. Auch seinen Umgang mit Druck konnte er durch starke Leistungen auf der größten europäischen Bühne zeigen, als er Europameister wurde. Er bringt alle nötigen Voraussetzungen mit, er muss sie nur abrufen. Viel Zeit zur weiteren Akklimatisierung sollte er sich aber nicht mehr lassen. Bei den Bayern sind auch schon andere Talente wieder in der Anonymität versunken. Auch für einen Europameister wird es kein einfacher Weg.

In den kommenden Wochen stehen für Sanches und die Bayern erst die wirklich wichtigen Spiele dieser Saison an. Dann kann er zeigen, dass die hohe Transfersumme, die für ihn bezahlt wurde auch gerechtfertigt ist. Überzeugt er in den entscheidenden Spielen, werden seine Kritiker auch leiser und er hat zumindest ein bisschen seine Ruhe. Es sollte ihn positiv stimmen, dass der FCB auf drei Hochzeiten tanzt und früher oder später von seinem breiten Kader Gebrauch machen wird. Auch wenn er aktuell noch sehr oft auf der Bank Platz nehmen muss, werden seine Fähigkeiten voraussichtlich bald wieder gefragt sein. Dann kann und muss der bullige Mittelfeldmotor unter Beweis stellen, zu was er in der Lage ist. So wird er auch wieder an die Erfolge seiner noch sehr jungen Karriere anknüpfen können und eine große Zukunft – auch in München – haben.