Der Rekordweltmeister Brasilien darf bei einer WM-Endrunde nicht fehlen. Für die Teilnahme an der Endrunde in Russland erstickten die Brasilianer jeden Zweifel im Keim. Die Selecao zeigte eine starke Qualifikationsrunde und zählt bereits heute zum engeren Favoritenkreis für die WM in Russland. Wir werfen einen Blick auf die Qualifikation der Brasilianer.
Vor gut zwei Jahren, am 08. Oktober 2015, begann der lange Weg durch die südamerikanische Qualifikationsrunde. Und dieser startete für brasilianische Verhältnisse eher schlecht. In Santiago de Chile unterlagen die Brasilianer mit 2:0. Anschließend bezwang man zwar zu Hause die Mannschaft aus Venezuela, gefolgt von einem Remis gegen den Dauerrivalen aus Argentinien. Es war dennoch ein holpriger Start für die erfolgsverwöhnten Brasilianer. Im Lande des „Joga Bonito“, des „schönen Spiels“, machte sich Unmut über die Leistungen der Mannschaft breit: Wenn in Brasilien eines schlechter ankommt als Ergebnisfußball, dann ist es wenig erfolgreicher Ergebnisfußball.
Trainerwechsel wird zum Wendepunkt
Nach dem Sieg über Peru im vierten Spiel und zwei weiteren Unentschieden gegen Uruguay und Paraguay musste Dunga, der einstige Kapitän der Selecao, als Cheftrainer seinen Hut nehmen. Dunga war in seiner zweiten Amtszeit als Verantwortlicher vermehrt in die Kritik geraten. Zu diesem Zeitpunkt stand Brasilien in der Quali zwar nicht schlecht da – lediglich eine Niederlage nach sechs Spielen – aber das frühe Ausscheiden bei der Copa América brachte das Fass zum überlaufen. Wirklich zufrieden ist man mit dem Weltmeister von 1994 schon lange nicht mehr gewesen, weshalb das Aus beim Kontinentalwettbewerb als Glücksfall für den weiteren Verlauf der WM-Quali betrachtet werden kann. Der Trainerwechsel wurde zur Kehrtwende des brasilianischen Fußballs.
Tite übernahm das Amt und die Auswahl zeigte prompt ein anderes Gesicht (chefutbol.com berichtete im April). Der neue Trainer konnte vom aktuellen brasilianischen Meister Corinthians geholt werden und prägte auf Anhieb das Spiel. In den 12 Begegnungen unter Tite gab es bisher zehn Siege und zwei Unentschieden. Und nicht nur das: Die Selecao spielt seitdem wieder erfrischenden Fußball und konnte sich letztlich ohne Probleme qualifizieren. Die WM-Teilnahme Brasiliens wird zwar ohnehin immer erwartet, aber die Qualifikationsgruppe in Südamerika zu durchlaufen ist stets ein hartes Stück Arbeit. Exempel stellten dieses Jahr der ungeliebte Nachbar und „La Roja“ dar. Die Argentinier mussten bis zum letzten Spieltag bangen und die in den letzten Jahren so starken Chilenen müssen sogar vor dem Fernseher die WM verfolgen.
Brasilianische Dominanz in Südamerika
Diesem Schicksal entgingen die Brasilianer deutlich, die Teilnahme war früh gesichert. Der Blick auf die Tabelle lässt bereits viele Rückschlüsse zu. Die Selecao hat mit lediglich 11 Gegentoren in 18 Spielen die beste Abwehr in dieser Staffel. 41 Treffer bedeuten auch die erfolgreichste Torausbeute. Zum Vergleich: Der Powersturm Argentiniens, um Messi, Higuaín, Dybala, Agüero oder Icardi, erzielte lediglich 19 Treffer. Die torgefährlichsten Spieler für die Brasilianer waren Gabriel Jesus, Paulinho und Neymar. Sie hatten jeweils sechs Treffer auf dem Konto. Der 20jährige Jesus ist besonders hervorzuheben. Für seine Tore benötigte er weniger als 800 Minuten auf dem Spielfeld. Er ist der große Gewinner, gerade der letzten Monate.
Das Rezept für Brasiliens jüngste Erfolge wird in der mannschaftlichen Ausgeglichenheit zu finden sein. Während bei der WM 2014 im eigenen Land alles auf den Superstar Neymar konzentriert schien, liegt die Verantwortung nun auf mehreren Schultern. Neymar bleibt zwar der Star in diesem Ensemble, er kann aber auch ersetzt werden, wenn er keinen guten Tag haben sollte. Gegen Chile konnte Tite den Spieler von Paris St. Germain ohne Qualitätsverlust auf der Bank Platz nehmen lassen. Mit Gabriel Jesus, Philippe Coutinho, Firmino oder auch Willian, steckt die Offensive Brasiliens voller Qualität. Beim 5:0 über Bolivien im Oktober 2025 reihten sich zum Beispiel fünf verschiedene Spieler in die Torschützenliste ein.
Routine in der Abwehrreihe
Etwas untypisch erscheint die herausragende Defensivleistung der Brasilianer. Mit Dani Alves, Marcelo und Filipe Luis stehen allerdings auch drei Außenverteidiger zur Verfügung, die nicht nur absolutes Weltklasse-Format besitzen, sondern auch im Offensivspiel Akzente setzen. Mit Innenverteidigern wie David Luiz, Thiago Silva, Miranda oder Marquinhos hat Brasilien international erfahrene Spieler und jede Position doppelt besetzt. Allesamt bringen viel Erfahrung aus Europas Topligen mit und bilden das Fundament für die Offensivkünstler. Perfekt umgesetzt wurde diese Balance gegen Argentinien im vergangenen November. Beim 3:0 brannte in der brasilianischen Defensive nichts an, während Coutinho und Neymar schon in der ersten Hälfte für klare Verhältnisse sorgen konnten.
Diese Machtdemonstration gegen Argentinien sowie der 4:1 Auswärtssieg in Montevideo gegen Uruguay können als die brasilianischen Highlights während der Qualifikation betrachtet werden. In Südamerika sind die Rivalitäten riesig, solche Siege werden hoch gewertet und sind wichtig für die Fußballseele. Paulinho war gegen die „Urus“ dreimal erfolgreich gewesen. Er ist ein wichtiger Faktor im brasilianischen Mittelfeld und hat mit Spielern wie Casemiro, Fernandinho und Renato Augusto starke Partner an seiner Seite, die allesamt auf Topniveau spielen können. Die Breite des Kaders ist jedenfalls gegeben, es wird keine leichte Aufgabe für Tite, seine Mannschaft für das nächste Jahr zu bestimmen – lediglich ein Luxusproblem.
Nichts zu bemängeln bei Brasilien
Unter Tite haben die Brasilianer wieder zu ihrer alten Linie gefunden. Begeisternder Offensivfußball gepaart mit überragenden Einzelkönnern, die sich auch zu verstehen scheinen. Stehen sich die Brasilianer nicht selbst im Weg, gibt es nur wenige Mannschaften, die den Samba-Kickern das Wasser reichen können. In der harten Qualifikation Südamerikas haben sie ihre Fähigkeiten demonstriert. Nach 18 Spielen gab es bei harter Konkurrenz nur eine Niederlage. Gerade die Offensive ist noch jung und kann sich im kommenden Jahr noch steigern. In der Defensive befinden sich viele Routiniers, für die es die letzte WM-Teilnahme sein wird und viel Erfahrung aufweist. Hält die Mannschaft ihre Qualifikationsform, werden sie ein Favorit auf den goldenen Pokal in Russland sein.



