Rio de Janiero ist die zweitgrößte Stadt Brasiliens und beherbergt vier Traditionsclubs aus der ersten Liga. Kein Verein konnte stets seiner „Heimat“ treu bleiben und es begann für den ein oder anderen Club eine kuriose Reise durch Rios Stadien. Vor allem die Fans von Flamengo müssen in jüngerer Vergangenheit immer wieder neue Kurven mit Stimmung füllen – das gefällt nicht jedem.
Nach dem sportlichen Abstieg des TSV 1860 München wurde der lange gehegte Traum vieler „60er“ wahr: Der Umzug in das Grünwalder Stadion, der alten Heimat des TSV, welches nun die Rolle der ungeliebten modernen Allianz-Arena einnimmt. Dieser Umzug hatte enorme mediale Aufmerksamkeit erhalten. Wirft man nun einen Blick auf die brasilianische Liga, übertreibt man mit dem stumpfen Urteil, so ein Umzug sei der normale Alltag, lediglich geringfügig. Finanzielle Probleme, Baufällige Spielstätten, Korruption und etliche andere Baustellen zwingen die Clubs Brasiliens oft zur Improvisation. Gerade die beiden Großstadien der Stadt, das Olympiastadion und das Maracana wurden Auslöser von Feindseligkeiten zwischen den Clubs und waren Grund für diverse Festnahmen in der Politik und der Bauwirtschaft.
Die Treuen unter den Untreuen
Der CR Vasco da Gama soll vorab gleich die große Ausnahme bilden. Der Regatterclub, benannt nach einem portugiesischen Seefahrer, ist im Estádio Sao Januário beherbergt. Das Stadion ist im Eigentum Vascos was ebenso als Alleinstellungsmerkmal für diesen Club gelten darf. Doch auch Vasco verlässt gelegentlich seine Heimat und zwar dann, wenn die großen Stadtderbys anstehen. Für diese Fälle zieht es auch den Kleinsten der vier großen Clubs in das Maracana. Die 15.000 Zuschauer, welche in die alte Spielstätte noch dürfen, sind einfach zu wenig für den Massenansturm bei den Derbys von Rio. Früher hatten noch bis zu 40.000 Zuschauer Platz in dem heruntergekommenen, aber auch charismatischem Stadion, welches 1927 das Größte der neuen Welt war. Diese Zeiten sind jedoch längst vorbei. Man ist bei Vasco dennoch stolz, auf sein eigenes Wohnzimmer und hat damit den drei Großen etwas voraus.
Der älteste Fußballverein der Stadt spielt standesgemäß im Maracana. Fluminense, die „Tricolor“, besitzt zwar auch noch ein eigenes Stadion mit dem „Laranjeiras“, die Sportstätte wurde allerdings im Jahr 2003 endgültig für Spiele des ersten Teams geschlossen. Trainingseinheiten finden jedoch weiterhin dort statt. Der offizielle Sitz des Clubs liegt ebenso nach wie vor am Stadion. Insgesamt wurden in der alten Heimat 839 Partien bestritten, was als beachtliche Anzahl betrachtet werden darf. Fluminense und Vasco sind ihren Sportstätten relativ treu, wenngleich immer wieder spezielle Begegnungen verlegt wurden. Andere Teams zeigen weniger Verbindung zu ihrer „Heimat“. Zumeist gibt die finanzielle Lage auch kaum einen anderen Ausweg, als einen Umzug.
Auf der steten Suche nach einem Stadion in Rio
Bis vor kurzem war Flamengo zusammen mit Fluminense der Hauptmieter im Maracana. Das ist nun auch passé, da hohe Stadionmieten den Verein dazu bewegten, die Wahlheimat (vorerst) aufzugeben und in das bereits früher benutzte Stadion „Ilha da Urubu“ zu ziehen. Der Exklusivvertrag mit dem staatlichen Stadion wurde über drei Jahre abgeschlossen. Vorab mussten 15 Mio. Real investiert werden, um die erforderlichen Stahlrohrtribünen zu errichten, auf denen nun 22.000 Zuschauer Platz finden. Eine weitere Baumaßnahme galt den Stadionsitzen: Diese mussten von den Vereinsfarben Botafogos befreit werden. Der Club nutzte die Anlage als Ausweichort während der Olympischen Spiele. Denn Botafogo´s Heimat seit 2007 – mit Unterbrechungen – ist das Estádio Nílton Santos, bei uns besser bekannt als das Olympiastadion der Sommerspiele 2025. Seit dem Ende der olympischen Spiele ist Botafogo auch wieder der einzige Nutzer der modernen Arena, welche etwa 44.000 Zuschauern Platz bieten kann.

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Auch in diesem Stadion musste sich Botafogo bereits die Nutzungsrechte mit den Rivalen von Flamengo und Fluminense teilen. Die entsprechende Epoche liegt in der Zeit, in der sich das altehrwürdige Maracana in der Bauphase vor der Fußball-WM 2014 befand. O Engenhao, wie die Heimat von Botafogo genannt wird, ist das zweitgrößte Stadion der Stadt. Bevor Botafogo im Olympiastadion sein zu Hause finden konnte, hatte die „Estrela Solitária“ auch schon einige Spielstätten in und um Rio herum abgeklappert. Nun hofft man auf eine lange Zukunft im Olympiastadion, welches jedoch auch schon Schattenseiten offenbaren musste. Immer wieder gab es Baumängel seitens Botafogo zu beklagen. Beim hin und her zwischen Maracana und dem Engenhao gerieten auch die Clubs, vor allem Botafogo und Flamengo aneinander. Später musste Flamengo gar für eine gewisse Zeit durch das ganze Land pilgern und in ungenutzten Sportstätten die Spiele austragen, weil der Präsident Botafogos verboten hatte, dass Fla im Engenhao spielen darf.
Wut der Fans und Chance auf eine bessere Zukunft
Die Fans in Brasilien mussten bereits einige Umzüge über sich ergehen lassen. Die aktuelle Situation, dass Fla nun auf der „Ilha do Urubu“ spielt, fällt den Fans schwierig. Der Verein, welcher auch als „Club der Armen“ tituliert wird hat aufgrund der geringeren Kapazität an den Preisen für Tickets geschraubt. Nun zahlen die Fans teilweise 55€ für eine Eintrittskarte, ein Preis der kaum erschwinglich ist, gerade für Menschen aus den Favelas, wo Flamengo seine größte Anhängerschaft besitzt. Vor allem deshalb kommt Kritik auf, dass sich der Verein immer mehr von seiner Basis distanziert und seine Anhängerschaft allmählich verärgert ist. In Anbetracht der Umstände ist das wenig verwunderlich. Auch unsere Kollegen der 11FREUNDE haben bereits über die Umstände beim Regatterclub berichtet.
Aktuell steht Flamengo auf dem vierten Platz in der brasilianischen Liga. Das ist zwar nicht so schlecht, aber mehr als ausreichend ist es auch nicht. Die Durststrecke seit dem letzten Meistertitel im Jahr 2009, wird in dieser Spielzeit auch nicht zu beenden sein. Deshalb ist die sportliche Stabilität noch kein Trost für die enttäuschten Anhänger. Finanziell generiert der Club bei weniger Ausgaben für Stadionmieten sogar mehr Einnahmen als im Maracana. Es kommen zwar weniger Zuschauer im Schnitt, aber die erhöhten Eintrittspreise kompensieren das. Zudem verschafft sich Flamengo gegenüber dem Eigentümer des Maracanas eine bessere Verhandlungsposition für die Zukunft. Den Zuschauern bringt das zunächst nichts. Was ihnen bleibt ist die Hoffnung, irgendwann in der Zukunft eine ganz persönliche Heimat zu haben. Trotz mittlerweile städtischem Stadion, ist das der TSV 1860 München dem Clube de Regatas do Flamengo noch voraus.



