Vor vier Monaten wurde Claudio ‘Chiqui’ Tapia zum neuen Präsidenten des Argentinischen Fußballverbandes (AFA) gewählt. Erstes Reformen sind bereits gestartet und Liga sowie Nationalmannschaft müssen mit Änderungen rechnen.
Selbst Lionel Messi platzte letztes Jahr während der mit einer erneuten Finalniederlage endenden Copa America der Kragen. Wieder einmal musste die argentinische Nationalmannschaft ewig auf den Abflug warten, diesmal nach New York. Ein weiteres Kapitel in der Geschichte der katastrophalen Organisation durch den argentinischen Fußballverband (AFA).
Auch das Ligasystem in Argentinien und vor allem der fast jährlich wechselnde Modus dieser lösen beim gemeinen Fußballfan in Europa immer wieder ungläubiges Kopfschütteln aus. Doch damit soll jetzt Schluss sein. Der neue AFA-Präsident Tapia will für Abhilfe sorgen. Doch die Probleme, denen sich der argentinische Fußball nach mehr als 30 Jahren Grondona-ismus ausgesetzt sieht, lassen sich nicht von heute auf morgen lösen.
Die Albiceleste
Das erste “Opfer” Tapias war Edgardo Bauza. Nachdem die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2018 in Russland immer mehr in Gefahr geriet, wurde “El Patón” schließlich entlassen und durch Heilsbringer Jorge Sampaoli ersetzt – Tapias Wunschkandidat. Sampaoli konnte den FC Sevilla 2025/2017 in Spanien auf den vierten Platz führen. Nach einer starken ersten Saisonhälfte, welche die Andalusier sogar von der Meisterschaft träumen ließ, brach man jedoch 2017 etwas ein und zog auch im Achtelfinale der Champions League gegen Leicester City den kürzeren. Trotzdem beeindruckte der FC Sevilla mit großer taktischer Klasse. Nun erwartet man in Argentinien, dass Sampaoli die Albiceleste wieder flott macht. Mit der Landesauswahl Chiles hat er bereits bewiesen, dass er auch mit Nationalmannschaften Erfolg haben kann.
Die Jugendnationalmannschaften der AFA
Während Lionel Messi die Albiceleste immerhin zu drei Finalteilnahmen in drei Jahren geführt hat, hakt es bei den Jugendmannschaften Argentiniens – trotz großer Talente – gewaltig. Die U20-WM dieses Jahr verlief ernüchternd. Die glorreichen Tage unter José Pékerman und Co, als man in 12 Jahren fünf (!) mal den Titel bei der U20-WM holen könnte, sind längst vorbei.
Sampaoli und Tapia hatten Mitte Juli einen neuen Plan für die Jugendmeisterschaften und Sebastián Beccacece von Defensa y Justicia als neuen U20-Coach vorgestellt. Außerdem konnten die Ex-Nationalspieler Pablo Aimar (U17) und Diego Placente (U15) als Trainer für die Jugendnationalmannschaften gewonnen werden. Von jetzt ab sollen alle Mannschaften bis hoch zur Albiceleste eine gemeinsame Philosophie und Spielsystem(e) haben. Doch dafür ist Geduld gefragt. Bis die ersten Früchte dieser Arbeit geerntet werden können, werden wohl einige Winter vergehen. Bestes Beispiel ist hier Deutschland, das nach dem 2004 unter Jürgen Klinsmann angestoßenen Reformprozess zehn Jahre auf den großen Erfolg warten musste.
Kein “Futbol para Todos” mehr
Im Vergleich zur nationalen Liga scheinen die Reformen für die Nationalmannschaft ein Kinderspiel zu sein. Die Situation in der Liga ist weitaus verzwickter. Das Programm “Fútbol para Todos” wurde vom Staat unter der früheren Regierungschefin Kirchner gestützt und ermöglichte es, dass alle Spiele der argentinischen Superliga im Free-TV verfügbar waren. Nachdem dies nicht wirklich wirtschaftlich war und im Dezember gekündigt wurde und somit überlebenswichtige Zahlungen an die Klubs nicht geleistet wurden, führte das Anfang diesen Jahres sogar zu einem Spielerstreik aufgrund ausstehender Gehaltszahlungen.
Unter Tapia hat die AFA nun einen neuen mehrere Millionen Dollar schweren Deal mit dem US-Sender Fox-Turner ausgehandelt, der weitere Zahlungsschwierigkeiten abwenden sollte.
Reformen für die Superliga
Die Superliga wird diese Saison noch kein großartig anderes Gesicht haben, aber Tapia hat alle Räder in Bewegung gesetzt, um Grondonas monströse 30-Team-Liga wieder zu verschlanken. Diese Saison werden nach dem Abstieg von vier Teams und dem Aufstieg von zwei “nur” noch 28 Teams in der höchsten argentinischen Spielklasse antreten. Diese Reduzierungen werden die nächsten Jahre anhalten bis man die Mannschaftsstärke von 22 erreicht hat. Man wird weiterhin – angepasst an den europäischen Fußballkalender – von August bis Mai spielen mit einer Sommerpause im Dezember und Januar.
Nächste Saison wird es wieder einen Extra-Clásico-Spieltag geben, d.h. jedes Team wird zwei Derbies haben. Verständlicherweise sind nicht viele Klubs davon begeistert, da dies für die einen Vereine einfachere und für andere Vereine schwierigere Spiele bedeutet. Manche Vereine haben nicht mal einen Derbygegner und bekommen einfach ein Team zugeteilt. Chancengleichheit und Fairness bedeutet das sicher nicht. So würde Boca zweimal auf River treffen, sicherlich keine leichte Aufgabe, während San Lorenzo zweimal gegen das abstiegsbedrohte Huracán antreten würde.
Kein Bonus mehr für die großen Klubs
Die Durchschnittstabelle der vergangenen drei Jahre, die über den Abstieg entscheidet, wird hingegen weiter Bestand haben. Jedoch wird Tapia auch hier Hand anlegen und damit die klare Bevorteilung der großen Klubs abschaffen, die damit schon mehrere schlechte Jahre brauchen um abzusteigen. Diese Regelung hinderte aber River und Independiente nicht daran es trotzdem zu schaffen abzusteigen. Die Abschaffung wird sicherlich auf Widerstand bei den großen Klubs treffen, doch sollte im Sinne aller und mehr Transparenz durchgesetzt werden.
Die Vision einer 22-Vereine-Liga ohne Extra-Clásico-Runde und ohne Durchschnittssystem mag für jeden Europäer simpel und logisch klingen. Aber simpel und logisch ist vieles nicht in Argentinien. Man darf gespannt, ob Tapia seine Reformen durchsetzen kann.



