Castellanos

Venezuelas Messi ist weiblich – Deyna Castellanos auf den Spuren ihres Idols

Cristiano Ronaldo und Lieke Martens waren die großen Gewinner der gestrigen „The Best FIFA Football Awards“. Sie gewannen jeweils den Titel als Weltfußballerin beziehungsweise Weltfußballer. Bei der Zeremonie überstrahlte jedoch die erst 18-jährige Venezolanerin Deyna Castellanos alle großen Namen der Fußballwelt.

Am Montagabend saß Deyna Castellanos im Londoner Palladium mit gerade mal 18 Jahren bei den „The Best FIFA Football Awards“ in der ersten Reihe und nur wenige Plätze von ihrem großen Vorbild Lionel Messi entfernt. Dabei konnte die Venezolanerin in diesem Jahr etwas vorweisen, was selbst Messi und Cristiano Ronaldo nicht erreicht hatten. Sie war die einzige Nominierte, die gleich bei zwei Auszeichnungen im Rennen war: als Weltfußballerin und für den Puskás-Preis. Obwohl es für Castellanos am Ende nicht für einen Titelgewinn reichte, war das Lächeln aus ihrem strahlenden Gesicht nicht wegzukriegen.

Spaßfußball

Wo Castellanos auftaucht, ist auch ihr ansteckendes Lachen nicht weit. Egal ob auf dem Fußballplatz, bei Presseterminen oder an der Universität. Spaß spielt eine wichtige Rolle in Castellanos’ Leben und ist laut ihrem langjährigen Nationaltrainer Kenneth Zseremeta ein wichtiger Faktor für ihren Erfolg: „Sie spielt aus Spaß. Das zeichnet sie aus, sie genießt den Fußball.“

Bereits seit vier Jahren wirbelt Castellanos mit den Auswahlmannschaften Venezuelas bei den großen Turnieren durch die gegnerischen Strafräume und sich damit in die Herzen der Zuschauer. Stürmisch, mutig, kreativ, technisch stark und mit einer positiven Aggressivität treibt sie dabei ihre Mitspielerinnen immer wieder an. Überragend ist ihre Konsequenz im Abschluss. Kommt Castellanos am Strafraum frei zum Schuss, geht nur selten etwas schief. Dennoch bewahrt sie sich auf und neben dem Platz eine gewisse Gelassenheit und Leichtigkeit. In Drucksituationen hilft sie so ihren Teams oft mit wichtigen Treffern weiter.

Ein Fünfzig-Meter-Tor und seine Folgen

So auch am 3. Oktober 2025. Im zweiten Gruppenspiel der venezolanischen U17 bei der WM in Jordanien gelang Castellanos etwas, was selbst einem Weltklassespieler wie Messi bisher nicht gelungen ist. Venezuela musste gegen Kamerun in der dritten Minute der Nachspielzeit den Ausgleichstreffer zum 1:1 hinnehmen. Für Castellanos und ihr Team jedoch kein Grund, den Sieg aufzugeben. Trainer Zsemereta wechselte Nohelis Coronel ein, die den Anstoß ausführte und Castellanos schoss den Ball vom Mittelkreis aus direkt ins Tor zum 2:1-Endstand. Riesen Jubel bei Castellanos, dem Team und im gesamten Stadion. Der Treffer wurde am Ende zum schönsten Tor des Turniers gewählt. Für jeden Fußballer wäre dies eine einmalige und außergewöhnliche Geschichte, für Castellanos jedoch nicht. „Als ich noch klein war, habe ich öfter solche Tore geschossen. Kürzlich ist es mir schon einmal in der Nationalmannschaft gelungen und auch in meinem College-Team in den USA“, erklärte die Stürmerin im Nachhinein. Auch Zsemereta bestätigte, dass dieser Schuss kein Glücksfall gewesen sei: „Sie übt diesen Schuss regelmäßig und arbeitet daran, ihn zu verfeinern.“ Nach der U17-WM stellte Castellanos klar: „Wenn irgendeines meiner Tore einmal für den Puskás-Preis nominiert würde, wäre ich sehr zufrieden.“ Ihr Fünfzig-Meter-Tor wurde ein viraler Hit und ein knappes Jahr später brachte es Castellanos die erhoffte Nominierung für den Puskás-Preis, obwohl sie selbst zugab: „Eigentlich ist das nicht das schönste Tor meiner Karriere.“

Erfolge über Erfolge für Castellanos

Werden nur die Leistungen im Jugendbereich betrachtet, so steht Castellanos bereits jetzt auf einer Stufe mit ihrem Idol Messi. Als 14-Jährige gewann sie im Jahr 2013 mit der U17-Südamerikameisterschaft den ersten großen Titel. Es folgten zwei vierte Plätze bei U17-Weltmeisterschaften, ein weiterer Sieg bei der U17-Südamerikameisterschaft sowie jeweils eine Silbermedaille bei den Olympischen Jugend-Sommerspielen und den Juegos Bolivarianos. Castellanos dominierte bisher in der Regel jedes Turnier, an dem sie teilnahm, und stellte einige Rekordmarken auf. So wurde sie 2014 beste Torschützin der U17-WM und des Olympischen Juniorinnen-Fußballturniers. Zwei Jahre später wurde Castellanos bei der U17-WM als drittbeste Spielerin und Torschützin sowie für ihren Treffer aus fünfzig Meter ausgezeichnet. Dennoch war und ist sie sehr bescheiden. Von ihren Mitspielerinnen wird Castellanos als stets hilfsbereit beschrieben, denn sie möchte, dass die gesamte Mannschaft gut dasteht.

Team der Stunde

Die Anerkennung für die Leistungen von Castellanos und ihren Teamkolleginnen ließen im Heimatland nicht lange auf sich warten. Die neue Generation an Spielerinnen wird in Venezuela als das „Team der Stunde“ gefeiert. Die Begeisterung zeigte sich auch bei der heimischen U17-Südamerikameisterschaft 2025. Zum letzten Gruppenspiel gegen Brasilien kamen 45.321 Zuschauer ins Estadio Metropolitano in Lara. Ein neuer Rekordwert. Das ganze Land zeigt mittlerweile ein großes Interesse am Fußball und vor allem auch am Frauenfußball. Castellanos und Co. sollen den Traum der ersten WM-Teilnahme endlich erfüllen.

Familienbande

Erst vor knapp 13 Jahren kam es im baseballbegeisterten Venezuela durch Erfolge der männlichen „Vinotinto“ in der WM-Qualifikation und die Hoffnung auf die erste WM-Teilnehme zu einem regelrechten Fußball-Hype. Auch im Hause Castellanos zeigte sich die Wirkung des Hypes: Álvaro, Deynas älterer Bruder und damals zehn Jahre alt, entschied sich, vom Baseball zum Fußball zu wechseln. Die fünf Jahre jüngere Schwester begleitete ihn aufgrund ihrer Bewunderung zu jedem Training. Hier kam Castellanos erstmals direkt in Kontakt mit dem runden Leder. Während sie auf ihren Bruder wartete, spielte sie selbst am Seitenrand mit dem Ball und übte Tricks. Eines Tages wurde ein Trainer auf die kleine, dribbelnde Castellanos aufmerksam und bat die Eltern, sie beim Training mitmachen zu lassen. Nach einem kurzen Moment der Verblüffung unterstützten ihre Eltern diese Idee und ebneten Castellanos so den Weg in die Weltspitze. Ihre Mutter ist seitdem bei allen großen Turnieren an ihrer Seite und feuert sie von der Tribüne an. Erzielt Castellanos einen Treffer, sucht sie den Blickkontakt mit ihrer Mutter und beide formen mit ihren Händen ein Herz.

Ziehvater Arango

Neben ihrer Familie spielt ein alter Bekannter aus der Bundesliga eine wichtige Rolle. Seit Juan Arango Castellanos das erste Mal gesehen hat, kümmert sich Venezuelas Rekordnationalspieler um sein „Patenkind“. Damals spielte Castellanos in der von Arango betriebenen Fußballschule: „Ich weiß nicht mehr, wie alt sie war, als ich sie das erste Mal spielen sah. Aber ich erinnere mich noch gut daran, dass sie mich beeindruckte. Das Mädchen hatte für ihr Alter beachtliche technische Fähigkeiten und verfügte sowohl mit dem linken als auch mit dem rechten Fuß über eine erstaunliche Schusskraft. Hinzu kam ihre außergewöhnliche Antrittsschnelligkeit. Wenn man so eine Spielerin mit den Augen eines Profis beobachtet, ist das überaus beeindruckend.“ Für Castellanos ist Arango eine große Inspiration: „Er ist nicht nur ein Spieler, den jeder in Venezuela kennt, sondern er ist auch wie ein Vater für mich. Er hilft mir bei meiner Weiterentwicklung und spricht mir sehr viel Mut zu.“

Studium in den USA

Bereits nach der U17-WM 2014 erklärte Castellanos, auf ein Angebot aus dem Ausland mit schulischer Ausbildung zu hoffen. Zwei Jahre später wurde ihr Wunsch Realität, nachdem die Familie Guillermo Zamarripa kennengelernt hatte, den Gründer von CMAS Athletes, das lateinamerikanische Sportler an US-amerikanischen Universitäten und Colleges vermittelt. Castellanos erhielt zahlreiche Angebote und entschied sich schließlich Anfang 2025, im Sommer an die Florida State University zu wechseln und für die Seminoles aufzulaufen. Auch hier ragt die Venezolanerin heraus. In 28 Spielen gelangen ihr bisher 21 Tore. Seit Januar wohnt Castellanos mit ihrer neuen costa-ricanischen Teamkollegin Gloriana Villalobos zusammen, die nun ebenfalls an der Florida State studiert. Die beiden, die sich erstmals 2014 bei der U17-WM begegnet sind und als größte Entdeckungen gefeiert wurden, sind mittlerweile unzertrennlich geworden. In der lateinamerikanischen Wohngemeinschaft hat Castellanos das Sagen. „Deyna ist sehr ordentlich und ergreift die Initiative. Sie ist diejenige die sagt: ‚Komm, lass uns putzen. Bringen wir es hinter uns‘“, gab Villalobos zu. Für beide ist neben dem Fußball aber auch das Studium wichtig. Während Villalobos derzeit Sportmanagement studiert, studiert Castellanos Journalismus. „Wir helfen uns gegenseitig“, erklärte Villalobos. „Wenn ich eine Hausarbeit anfertigen muss und es ist schon sehr spät, dann hilft sie mir dabei und umgekehrt.“ Während der Semesterferien im Sommer 2017 lief Castellanos zudem für Santa Clarita Blue Heat in der United Women’s Soccer auf. Auch hier konnte Castellanos in den wenigen Wochen überzeugen, erzielte sechs Tore in neun Spielen und wurde zur besten Spielerin der Saison gewählt.

Eine der besten

Mitten im Unialltag erfuhr Castellanos am 17. August von ihrer Nominierung als Weltfußballerin. Der Tag begann wie immer mit einem gemeinsamen Frühstück mit dem Team vor dem Training, als Castellanos ein Tweet der FIFA erreichte, der sie von ihrer Nominierung in Kenntnis setzte. Als 18-Jährige ist sie damit die jüngste Kandidatin aller Zeiten, obwohl sie noch nie in einem Profiteam gespielt hat und auch noch nie an einer U20- oder einer WM der A-Nationalmannschaften teilgenommen hat. „Ich muss immer lachen, wenn ich daran denke, dass ich neben Spielerinnen wie Carli Lloyd nominiert worden bin. Es ist ein nervöses Lachen, denn ich hätte nie gedacht, dass so etwas so früh passieren würde. Ich bin total begeistert“, sagte Castellanos kurz nach der Nominierung.

Social-Media-Star

Dass Castellanos so beliebt ist und bei den Abstimmungen weit vorne landete, hat sie auch ihrer Aktivität auf diversen Social-Media-Plattformen zu verdanken. So hat die 18-Jährige zum Beispiel bei Instagram knapp 889.000 Abonnenten und liegt damit sogar knapp vor der alten Weltfußballerin Carli Lloyd, die auf 848.000 Abonnenten kommt, sowie deutlich vor der neuen Weltfußballerin Lieke Martens, die 414.000 Abonnenten vorweisen kann. „Ich versuche auch, sie auf dem Laufenden zu halten und mit ihnen über diese interaktive Plattform in Kontakt zu bleiben. Natürlich kann ich nicht jedem Fan antworten, der mich unterstützt, was ich sehr schade finde“, erklärte Castellanos.

Zukunft in Europa

Für eine Auszeichnung hat es am Montag schlussendlich nicht gereicht. Bei beiden Abstimmungen landete Castellanos auf dem dritten Rang. Juan Arango ist sich jedoch sicher: „In nicht allzu ferner Zeit wird sie zweifellos die beste Spielerin der Welt sein. Für mich ist Deyna die legitime Nachfolgerin von Marta oder Carli Lloyd.“ Die Zukunft von Castellanos liegt in Europa. „Das Studium ist für sie auch wichtig, denn Deyna ist ja noch jung. Trotzdem glaube ich, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis sie nach Europa geht“, erklärte Arango. Auch Castellanos’ Familie hofft auf eine Fußballkarriere in Europa und träumt sogar unter anderem von einem Wechsel nach Deutschland.

Auch hinsichtlich der Wettbewerbe liegt die Zukunft von Castellanos in Europa, besser gesagt in Frankreich. Ihre nächsten Ziele sind die U20-WM 2018 und die WM 2019. Dafür muss sich Venezuela nächstes Jahr jeweils bei der U20-Südamerikameisterschaft und der Copa América Femenina qualifizieren. Castellanos wird erneut alles dafür tun, um den Traum der Nation von einer ersten WM-Teilnahme zu erfüllen. Castellanos’ Mutter verriet die beiden persönlichen Träume für die Zukunft: „Sie wollte die venezolanische A-Nationalmannschaft immer bei einer Weltmeisterschaft sehen und die Auszeichnung als beste Spielerin gewinnen.“ Castellanos selbst sieht die Turniere zudem als Schaufenster für eine Karriere in Europa: „Mein Plan ist es, mein Hochschulstudium abzuschließen und dann den Sprung nach Europa zu schaffen. Die Weltmeisterschaft in Frankreich ist ein Sprungbrett nicht nur für mich, sondern auch für alle meine Mitspielerinnen.“ Europa kann sich also bereits jetzt auf das größte Talent des Frauenfußballs freuen.