Raffael
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Raffael Caetano de Araújo – Von Favres Musterschüler zum Maestro der Fohlen

Raffael Caetano de Araújo, kurz Raffael, ist einer dieser Spieler, für die das Wort “Maestro” wie geschaffen erscheint. Partie für Partie verleiht der 32-jährige Brasilianer aus Fortaleza dem Spiel von Borussia Mönchengladbach den richtigen Takt und führt im Angriff ausgesprochen erfolgreich Regie, und das auch noch mit einer gewissen Eleganz und einem Hauch Esprit. Doch trotz seines unbestrittenen Talents reichte es für den Musterschüler Lucien Favres nie zum ganz großen Ruhm. Ein Porträt seiner Karriere. 

Als Manager Max Eberl im Juni 2025 verkündete, dass Spielmacher Raffael seinen 2017 auslaufenden Vertrag zu erheblich verbesserten Konditionen bis 2019 verlängert hat, fiel wohl dem ein oder anderen Fan ein dicker Stein vom Herzen. Sowohl Branchenprimus Bayern München als auch Borussia Dortmund buhlten um die Dienste des Brasilianers und boten hierbei ein jährliches Salär von kolpotierten sechs Mio. €. Nichtsdestotrotz entschied sich der talentierte Angreifer für einen Verbleib bei den Fohlen, bei denen er seit seiner Ankunft im Sommer 2013 zum absoluten Fixpunkt im Angriffsspiel geworden ist.

Der lange Weg von Fortaleza bis an den linken Niederrhein

Nachdem Borussia Mönchengladbach unter dem damaligen Coach Lucien Favre eine wechselhafte Spielzeit 2012/13 durchlebte und mit Platz Acht auch nicht im europäischen Wettbewerb vertreten sein würde, bemühte sich der Schweizer bei seinen Bossen intensiv um eine Verpflichtung des brasilianischen Regisseurs und überzeugte letztlich beide Seiten von einem Transfer. Fünf Mio. € überwies Borussia an Dynamo Kiew, um Favre seinen absoluten Wunschspieler zur Verfügung zu stellen, schließlich arbeiteten Raffael und der exzentrische Schweizer bereits zuvor ausnehmend erfolgreich zusammen. Doch eins nach dem anderen.

Da Raffael in seiner Jugend hauptsächlich Futsal spielte, dauerte es vergleichsweise lang, bis der talentierte Angreifer aus der Küstenstadt Fortaleza erstmals Profiluft schnupperte. Erst 2001, im Alter von 16 Jahren unterschrieb Raffael einen Profi-Vertrag bei CA Juventus, einem Klub aus der Gegend um Sao Paolo, für den er bis 2003 in der ersten Mannschaft aktiv war.

2003 folgte schließlich der Wechsel ins Ausland, zum FC Chiasso in die Schweizer Super League. Für das Team aus dem Kanton Tessin traf Raffael in zehn Begegnungen zwei Mal, ehe er und sein Mentor und Lehrmeister Lucien Favre 2005 erstmals beim FC Zürich aufeinander trafen.

Raffael

mediadb.kicker.de / Raffael und Favre

Zwar wurde Raffael aufgrund bestehender Mängel im Defensivverhalten zunächst nur in Heimspielen eingesetzt, jedoch schien der Schweizer genau der richtige Trainer für den damals 20-jährigen Brasilianer zu sein. Raffael lernte schnell und verinnerlichte die ohne Zweifel komplexen Laufwege und Spielideen, die im Training einstudiert wurden, sodass Zürich in zwei aufeinanderfolgenden Jahren die Meisterschaft gewinnen konnte.

Wettbewerbsübergreifend erzielte Raffael für Zürich in 106 Spielen 53 Tore und legte 20 weitere auf.

Als Favre 2007 in die Bundesliga zu Hertha BSC wechselte, holte dieser seinen Lieblingsschüler vom FC Zürich in der Winterpause ebenfalls an die Spree. Nach einer guten Saison, die auf dem vierten Platz endete folgte eine miserable Spielzeit, die den Rausschmiss Favres zur Folge hatte. Raffael entschied sich allerdings für einen Verbleib in Berlin.

Mit der Hertha erlebte Raffael sowohl den Abstieg 2009/10 als auch den direkten Wiederaufstieg in der darauffolgenden Spielzeit, bevor er trotz seines mittlerweile ebenfalls verpflichteten Bruders Ronny das Kapitel Berlin aufgrund eines erneut bevorstehenden Abstiegs 2012 beendete und für die stattliche Summe von neun Mio. € in die Ukraine zu Dynamo Kiew wechselte. Für Berlin konnte Raffael in 163 Spielen 39 Tore erzielen und 31 direkt vorbereiten.

Lange hielt es den talentierten Brasilianer allerdings nicht in der ukrainischen Hauptstadt. Schon in der Rückrunde 2012/13 zog es den mittlerweile 27-Jährigen zurück in die Bundesliga zu Schalke 04, zunächst auf Leihbasis. Doch schon im Sommer 2013 sollte aus dem vorübergehenden Deutschlandaufenthalt ein Dauerhafter werden.

Allerdings nicht bei den Königsblauen, sondern knapp 80 Kilometer weiter bei Borussia Mönchengladbach. Trainer dort? Natürlich Lucien Favre.

Raffael: Dreh- und Angelpunkt des Gladbacher Spiels

Seit seiner Ankunft bei Borussia 2013 ist Raffael ein echter Fixpunkt im Spiel der Fohlen. In 147 Spielen für Mönchengladbach schoss er ganze 57 Tore und leitete 30 Tore ein. Auch nachdem sein Lehrmeister Lucien Favre nach fünf sieglosen Spielen in Folge zu Beginn der Saison 2015/16 seinen Hut nahm, brachen die Leistungen des Brasilianers keineswegs ein. Im Gegenteil. In 39 Spielen traf er selbst 15 Mal und bereitete 13 Treffer vor, Topwert in der Mannschaft!

Für das Mönchengladbacher Spiel ist der trotz seines Alters immernoch quirlige Angreifer nahezu unabdingbar. Vergangene Spielzeit verpasste Raffael verletzungsbedingt 14 Spiele. In eben jenen Begegnungen reichte es für die Borussia nur vier Mal zum Sieg. Auch schossen die Fohlen nur 14 Tore in diesem Zeitraum, was die Wichtigkeit der Rolle Raffaels im Gladbacher Spiel eindrucksvoll unter Beweis stellt.

Diese beinhaltet nämlich weit mehr als das bloße Erzielen von Toren. Raffael ist das personifizierte Umschaltspiel und darüber hinaus schafft er durch seine technisch anspruchsvollen Dribblings und intelligenten Laufwege Räume für seine Mitspieler. Hinzu kommen hohe Laufbereitschaft, sicheres Passspiel, grandiose Übersicht und eine unbestreitbare Qualität im Spielaufbau. Eine Qualität, die dem Kader der Borussia sichtbar abgeht, wenn Raffael fehlt. Aktuell befindet sich niemand in den Offensivreihen Mönchengladbachs, der es vermag, Raffaels Rolle zufriedenstellend auszufüllen.

Zwar haben Thorgan Hazard und auch Jonas Hofmann in ihrer Entwicklung einen Sprung nach vorne gemacht und auch Lars Stindl zeigte beim Confederations Cup, wozu er in der Lage ist. Ein lückenreißender Umschaltspieler und Spielgestalter wie Raffael ist jedoch keiner des Trios. Vor Allem bei Hazard und Stindl lässt sich gut beobachten, wie sich die Abwesenheit des Brasilianers auf deren Spiel auswirkt. Zwar vermögen es beide, die Rolle neben Raffael auszufüllen. Besonders Lars Stindl profitiert immens von den Pässen in die Schnittstelle des “Maestros”. Aber sowohl der Nachfolger Favres, André Schubert, als auch dessen Nachfolger Dieter Hecking vermochten es nicht, einen internen Ersatz für den Regisseur des Gladbacher Spiels zu finden.

Mittelfristig dürfte es für Borussia Mönchengladbach also von entscheidender Priorität sein, einen Nachfolger für den alternden Spielmacher zu finden.

Die “Selecao” und der fehlende “ganz große Wurf”: Raffael nur Mittelmaß?

Trotz all seiner Klasse und Spielintelligenz genügten die Leistungen Raffael Caetano de Araújos nie, um in den Fokus der Selecao, der Nationalmannschaft Brasiliens, zu rücken. Das mag zum einen daran liegen, dass die Brasilianer traditionell im Offensivbereich sehr breit aufgestellt sind, zum Anderen auch an der fehlenden internationalen Strahlkraft des 32-jährigen Brasilianers.

Zwar war Borussia Mönchengladbach in den vergangenen fünf Jahren vier mal im internationalen Geschäft vertreten, zweimal sogar in der Champions League. Allerdings besitzt die Borussia, bei allem Respekt, noch nicht das notwendige Standing im europäischen Fußball, um die Aufmerksamkeit des Nationaltrainers zu erregen.

Zu viele andere Spieler auf Raffaels Position spielen bei absoluten Schwergewichten des europäischen Vereinsfußballs und gewinnen regelmäßig Titel mit ihren Vereinen. Neymar beim FC Barcelona, Willian bei Chelsea London, Philippe Coutinho beim FC Liverpool, Lucas bei Paris St. Germain, nur um einige zu nennen. Die einzigen Titel, die sich über die Jahre in Raffaels Vitrine eingefunden haben, sind zwei Meisterschaften in der Schweiz. Im Vergleich zu Champions League oder auch dem Gewinn der Premier League in England schlicht und ergreifend zu wenig.

Es sollte sich nun aber nicht der Eindruck aufdrängen, Raffael sei lediglich ein mittelmäßiger Spieler. Ganz im Gegenteil. Bei keiner seiner Stationen mangelte es an Anfragen deutscher und auch europäischer Topclubs, das Interesse von Bayern München am technisch versierten Spielgestalter verdeutlicht gut, welche Qualität Raffael doch besitzt.

Wohlfühlfaktor Borussia

Doch Pokale in den Nachthimmel zu recken oder auch auf internationalem Parkett für Brasilien aufzulaufen sind nicht die entscheidenden Faktoren in der Karriere des eher zurückhaltenden Spielmachers. Angesprochen auf das Umfeld von Borussia Mönchengladbach stellte Raffael klar, dass es primär darauf ankäme, ob er und seine Familie sich sowohl im Verein als auch in der Region wohlfühlen, schließlich ist der 32-jährige Brasilianer gleich vierfacher Familienvater (zwei Söhne, zwei Zwillingstöchter). Dies sei sowohl bei Borussia als auch in der Region der Fall. Allein deshalb schon bestünde kein Grund, den Verein zu verlassen, um anderswo auf Torejagd zu gehen.

Auch ohne Titel bereits Legende!

Als Fazit bleibt festzuhalten, dass Raffael Caetano de Araújo aufgrund seiner außergewöhnlichen sportlichen Leistungen bei Borussia Mönchengladbach dort längst Legendenstatus besitzt und definitiv mehr ist, als “irgendein Spieler”. Auch neben dem Platz ist der 32 Jahre alte Maestro ein echter Profi und ein Spieler, der vorangeht. In Zeiten milliardenschwerer TV-Deals und Ablösesummen und Gehältern in astronomischen Höhen ist es fast schon ungewöhnlich, wenn ein Spieler nicht dem Ruf des Geldes folgt und stattdessen das tut, was für ihn als Mensch und auch für sein familiäres Umfeld am Besten ist.

Raffael ist für die Borussia nicht nur ein großartiger Fußballer, sonder ebenfalls eine Identifikationsfigur und ein Vorbild für die vielen jungen Spieler der Borussia. Er wird fehlen, wenn er irgendwann nicht mehr da ist. Egal ob mit oder ohne Titel.