Als Francisco Belón, Mitglied Nummer 18 von Atlético Atlanta, sich dazu entschloss einen Hund vom Hausmeister des Lokalrivalen Chacarita Juniors zu übernehmen, hatte er sicherlich nicht geahnt welch bedeutungsvolle Entscheidung er damit getroffen hatte. Die Geschichte über einen Hund der mehr war als ein Maskottchen.
Der Fan von Atlético Atlanta, Verein aus dem Stadtteil Villa Crespo in Buenos Aires, taufte den Hund, der sonst auf der Straße gelandet wäre, auf den Namen des französischen Eroberers Napoleón (auf Spanisch mit Akzent auf dem “o”). Napoleón war ein Mischling aus Dackel und Straßenhund, mit kurzen Beinen, sodass sein Bauch fast auf dem Boden schleifte. Aber seine unsportlich anmutende Statur hielt ihn nicht davon ab täglich stundenlang im neuen zu Hause einem kleinen Ball hinterherzujagen.
Im Zuge der fußballerischen Umerziehung Napoleóns bekam er ein Halsband in Vereinsfarben, und wurde regelmäßig zu den Heimspielen von Atlanta mitgenommen. Und der schlaue wie fußballverrückte Vierbeiner erkannte schnell, dass sein Verein nur Atlanta heißen konnte.
Napoleón – Liebling der Fans

https://enunabaldosa.files.wordpress.com/2015/10/napoleon02.jpg
Auch im Stadion zeigte er seine Begeisterung für den Fußball und rannte die Linie auf und ab, je nachdem auf welcher Höhe sich der Ball gerade befand, und bei Ecken stellte er sich hinter das Tor. Außerdem bellte er die gegnerischen Spieler an, um sie einzuschüchtern, und wedelte mit dem Schwanz, wenn Atlanta ein Tor schoss. Bei Niederlagen lief er schweigsam mit dem Schwanz zwischen den Beinen neben seinem Herrchen nach Hause. Um es kurz zu machen, Napoleón war der perfekte Fan, und jeder Vater wäre mächtig stolz auf sich, wenn er seinen Sohn zu einem Napoleón erzogen hätte. Er lief sogar mit den Spielern ein, posierte auf den Mannschaftsfotos, und spielte in der Halbzeit mit dem Ball auf dem Spielfeld. Dabei trieb er unter dem Applaus der Zuschauer den Ball mit dem Kopf voran ins Tor. Trotz einer 1:4 gegen River Plate war es Napoleón der von den Fans gefeiert wurde, und über den geschrieben wurde: „Er trieb den Ball mit dem Kopf voran, besser gesagt mit dem Hinterkopf, bei höchster Geschwindigkeit durch die Beine derjenigen, die versuchten ihm den Ball abzunehmen. Der kleine Hund dribbelte und zeigte Ausweichmanöver und erhielt dafür die Ovationen des Publikums“.
Doch das Schicksal oder der Fußballgott hatten für Napoleón noch mehr vorgesehen als nur ein vorbildhafter Fan zu sein.
Die Entstehung des Mythos
War Napoleón bis dato nur der perfekte Fan gewesen, wurde er am 22. November 1936 zur Legende von Atlanta. Sein Halter nahm ihn mit zum Auswärtsspiel nach Córdoba gegen Talleres. Vor Anpfiff zündeten die Heimfans einige Böller, sodass sich Napoleón erschreckte, weglief und die ganze erste Halbzeit nicht zu sehen war. Genauso wenig Präsenz zeigten die Bohemios auf dem Platz, und lagen zur Halbzeit scheinbar aussichtslos mit 5:1 zurück. In der Halbzeit tauchte Napoleón jedoch plötzlich wieder auf, und mit ihm schien auch der Glaube und der Mut bei den Spielern von Atlanta zurückgekehrt zu sein. Die menschlichen Auswärtsfans und Napoleón erlebten eine historische Aufholjagd ihrer Mannschaft. Atlanta gelangen im 2. Durchgang noch vier Tore und das Spiel endete 5:5 unentschieden. Die Wende im Spiel wurde der Erscheinung Napoleóns zugeschrieben, und die Legende war geboren.
Die Legende wird unsterblich

https://enunabaldosa.files.wordpress.com/2015/10/napoleon03.jpg
Am Abend des 6. Aprils 1938 gegen 18:30 geschah leider das, was nicht hätte passieren dürfen. Der kleine Eroberer der Herzen aller Mitglieder Atlantas wurde vom Fußballgott viel zu früh zu sich gerufen. Während einer Versammlung der Fans, auf der überlegt wurde wie man Napoleón nach La Plata zum Auswärtsspiel mitnehmen könnte, und wie man ihn ins Stadion schmuggeln könnte, lief er aus dem Haus und wurde überfahren. Die Nachricht verursachte großen Schmerz in Villa Crespo, und die Zeitung “Ahora“ titelte am nächsten Tag: Napoleón ist gestorben, ein Großer des Fußballs in Buenos Aires“. Im Anschluss an das Drama wurde überlegt, was man mit dem Toten machen sollte. Ein Vorschlag war seine Asche im Stadion zu verstreuen, und eine Nachbarin bot ihren Garten als Grab- und Pilgerstätte an. Doch die Anhänger der Bohemios wussten, dass es nur eine Sache gab die sie tun konnten. Sie ließen den kleinen Eroberer ausstopfen, und ihn so unsterblich werden. Die Urne mit den Überresten steht seitdem im Hause der Familie Belón, und nach ca. 70 Jahren, zum 100-jährigen Vereinsjubiläum erschien er wieder im Stadion. Auch bei wichtigen Spielen und der ein oder anderen Feier war und ist er mit anwesend. „Er ist wie ein Kriegssymbol für Atlanta. Und jetzt wo wir den neuen Vereinssitz haben, werde ich ihn dem Verein übergeben, damit er in einer Vitrine stehen kann“, sagte der Sohn von Francisco Belón.
(Napoleón beim hundertjährigen Jubiläum: ab 1:30 zu sehen)



