Weshalb die portugiesischen Trainer weltweit einen exzellenten Ruf genießen, ist eng mit dem Namen Vítor Frade verbunden. Dieser war ein Dozent an der Universität Porto, der in den 80er Jahren die sogenannte Taktische Periodisierung erfunden hat. Dabei handelt es sich um eine Trainingsmethodologie von großer internationaler Bedeutung, auf deren Basis bereits zahlreiche Titel gewonnen wurden.
Trotz seines großen Einflusses auf den Fußball ist Vítor Frade für einen Großteil der eingefleischten Fans ein unbeschriebenes Blatt. Das mag unter anderem daran liegen, dass der Mann keine große Spielerkarriere vorweisen kann, und als Co-Trainer nur in Portugal gearbeitet hat. Zudem meidet er die große Öffentlichkeit und ist daher eigentlich nur Trainern und Taktikliebhabern ein Begriff.
Der inzwischen pensionierte Taktikexperte arbeitete die meiste Zeit seines Lebens als Dozent an der Sportfakultät der Universität in Porto, wo er auf Grund der vielen Besucher, die ihn treffen wollen, auch heute noch ein Büro besitzt.
Würde Frade tatsächlich auf großer Bühne als Trainer arbeiten, so würde es sicherlich nicht lange dauern, bis ihn dasselbe Schicksal wie Ralf Rangnick ereilt, und man ihn abschätzig als Fußballprofessor betiteln würde. Darüber hinaus mit hoher Wahrscheinlichkeit noch als „verrückten“ Fußballprofessor, denn er versucht immer und alles in seiner Umgebung auf Fußball herunterzubrechen, und sich an Dingen zu inspirieren, die auf den ersten Blick nichts mit Fußball zu tun haben. Zusätzlich schwankt seine Ausdrucksweise zwischen hochwissenschaftlich und philosophisch.
Frade: Wissenschaftler und Philosoph
In einem kürzlich der New York Times gegebenen Interview sprach Vítor Frade in seiner Antwort auf die Frage, was seine Taktische Periodisierung denn genau sei, über Zellstrukturen, Kaiserschnitte, mögliche Unterschlupfe von Alligatoren im Mississippi, Quantenmechanik und Kybernetik. Sein Übersetzer und ehemaliger Schüler José Tavares (heute Leiter der Jugendakademie des FC Porto) sagte über ihn, dass „er nicht wie der Rest von uns denken würde“. Manche sagen auch, dass die Taktische Periodisierung eher eine Art zu denken als zu spielen ist, doch dazu später mehr.
Auch versendet Frade ca. einmal pro Monat eine Rundmail an befreundete Trainer und sonstige Interessenten an seiner Arbeit. Diese E-Mail ist deshalb so besonders, da sie unter anderem selbstgeschriebene Gedichte sowie Interviews mit seiner Meinung nach interessanten Trainern oder Buchempfehlungen beinhalten kann. Des Weiteren ist es genauso wahrscheinlich, dass er einen Artikel aus der Neurowissenschaft und Robotik anhängt wie einen über Fußball.
Auch wenn seine Ausdrucksart teilweise blumig und seine E-Mails etwas speziell erscheinen, ist alles ernst gemeint und wohl durchdacht. Und die Qualität und der Erfolg seiner Taktischen Periodisierung sind unumstritten, denn nicht umsonst schwören Trainer wie José Mourinho, André Villas-Boas und inzwischen sogar der Trainer der englischen Rugby-Nationalmannschaft, Eddie Jones, auf sie. Frade betont dabei immer, dass die Taktische Periodisierung ein Management Ansatz und kein Coaching Ansatz ist, diese Unterscheidung ist ihm wichtig. Außerdem ist sie keine Methode, sondern eine Methodologie, da wenn man „eine Methodologie besitzt, man keine Methoden mehr benötigt“, hört man den Wissenschaftler sprechen.
Fußball als multidimensionale Disziplin
Wie bereits erwähnt versucht Vítor Frade alle erdenklichen Dinge aus seiner Umwelt auf Fußball anzuwenden, z.B. Wetter, Biologie oder Epigenetik. Da Fußball alles beinhaltet, und keinen linearen Prozess darstellt. Fußball ist keine Summe von Dingen, 1+1 nicht gleich 2. Er ist vielschichtig und multidimensional. Und ein Trainer muss jeden einzelnen Aspekt des Individuums im Team betrachten. Der Portugiese vergleicht das Spiel gerne mit dem berühmten Rubik-Würfel, bei dem jede Drehung auf einer Seite auch auf der anderen Seite Veränderungen hervorruft. Auch José Mourinho, ein Verfechter der Taktischen Periodisierung, ist von den Zusammenhängen auf dem Platz überzeugt und lässt entsprechend der Taktischen Periodisierung trainieren.
Training der Taktischen Periodisierung
Frade‘s bekanntester Schüler, „The Special One“, teilt auch die Meinung seines Lehrers, dass es das wichtigste ist ein „bestimmtes Spielmodel zu haben und bestimmte Prinzipien einzustudieren, diese gut zu kennen und zu interpretieren, unabhängig davon welcher Spieler auf dem Platz steht. Im Hintergrund befindet sich das, was ich Spielorganisation nenne“. Das Hauptziel der Taktischen Periodisierung ist es genau diese bestimmte Spielorganisation zu entwickeln und einzuüben. Wie die Organisation dabei genau aussieht bleibt dem Trainer überlassen, weder gibt es ein von Frade bevorzugtes Spielsystem, noch gibt es einen „Offensiv- und Defensivfußball”. “Wenn du den Ball hast, musst du daran denken, was passiert, wenn du ihn verlierst. Und wenn du ihn nicht hast musst du wissen, was du machst, wenn du ihn wieder erobert hast“. Obwohl dieses Zitat relativ unpräzise klingen mag, unterstreicht es, dass es kein festes System gibt. Nur wegen der Spielweise der Mannschaften Mourinho’s wurde der Periodisierung eine defensive Ausrichtung unterstellt.
Die Automatismen der Spieler sollen durch das Einüben der Spielorganisation trainiert werden. Sie ist das A und O und ist vom ersten Tag an Trainingsschwerpunkt. Es soll eine einzigartige Denkweise in allen Mannschaftsteilen generiert werden, damit in einer bestimmten Spielsituation alle auf dieselbe Art reagieren und handeln. Zusätzlich sollte das Training immer so temporeich und intensiv wie möglich gestaltet werden, und den Spielern sollen möglichst wenig Instruktionen während den Übungen gegeben werden. Sie sollen ermutigt werden die Probleme selbstständig zu lösen.
Aus diesem Grund gibt es keine isolierten bzw. künstlich erdachten Technik- oder Taktiktrainings. Stattdessen sollen die Einheiten möglichst immer die Gesamtheit des Spiels repräsentieren. Mourinho beschreibt das Training zur Taktischen Periodisierung als „die Interaktion aller Faktoren, wo alles simultan trainiert wird, sogar die Emotionen“. Damit all dies gelingt, muss zusätzlich auch an der Konzentrationsfähigkeit der Spieler gefeilt werden.
Eine weitere Devise, die dies unterstützt, ist dass die Mannschaften so spielen wie sie trainieren. Und das Spiel ist Fußball in seiner Gesamtheit und nicht Passen plus Laufen + etc. Deshalb soll nicht stumpf Ausdauertraining betrieben werden, sondern die Ausdauer trainiert werden, die in einem wichtigen Moment benötigt werden könnte. Und beim Passtraining soll nicht nur allgemein das Passen trainiert werden, sondern wann welcher Pass gespielt werden muss. Deshalb, um so viele Faktoren wie möglich gleichzeitig zu trainieren, immer in Spielformen, und normalerweise mit Ball.
Um die Organisation der Mannschaft zu perfektionieren entwickelte Frade den Morfozyklus. Dessen Ziel es ist, durch Wiederholungen im Training die gewünschte Organisation zu verinnerlichen und Automatismen zu kreieren.
Morfozyklus
Der Morfozyklus ist ein weiteres zentrales Element der Taktischen Periodisierung. Hinter ihm verbirgt sich, dass sich dieselben oder leichte Variationen der Trainingselemente immer wieder wiederholen. Das heißt, dass während der Saisonvorbereitung dieselben Sachen trainiert werden wie im Verlauf der Saison, und zum Beispiel kein besonderer Fokus auf Ausdauer gelegt wird. Bei hoher Belastung, wie zum Beispiel Englischen Wochen, bleiben die Themen gleich, und nur der Umfang wird reduziert. Außerdem ist die ganze Saison über jedem Tag ein bestimmtes Thema gewidmet. Dienstags wird zum Beispiel das Verhalten im Ballbesitz trainiert, mittwochs das Verhalten bei gegnerischem Ballbesitz, und donnerstags werden die Stärken des kommenden Gegners analysiert. Jedoch bedeutet dies nicht, dass die Trainingsmethoden dem Gegner angepasst werden. Im Vordergrund steht das eigene Spiel bzw. die Teamidentität, die sich nicht ändern darf. In den Worten des Maestro Frade: „Ein Chamäleon ändert seine Farbe, aber es vergisst nie, dass es ein Chamäleon ist“.
Inzwischen finden sich auch im Ausland immer mehr Anhänger von Frade’s Methodologie. Eine der treibenden Kräfte in der Weiterentwicklung der Taktischen Periodisierung ist der Spanier Xavier Tamarit, ein ehemaliger Erasmus-Student von ihm. Auf sportlicher Ebene ist momentan das englische Rugby-Team am spannendsten zu beobachten. Die Engländer gewannen kürzlich das 6-Nationen Turnier in beeindruckender Manier, wobei auffiel, dass sie vor allem in den letzten zehn Spielminuten beeindruckend stark spielten.



