Real
Flickr / Nathan Rupert

La Liga startet am Wochenende – steht der spanische Meister bereits fest?

Real Madrid strotzt vor Selbstbewusstsein, Barcelona wirkt angeknockt, Atlético darf nicht einkaufen. Womöglich steht den spanischen Fans ein langweiliger Titelkampf bevor.

Wer Mittwochnacht in die Gesichter der Barça-Akteure und des neuen Trainers Ernesto Valverde blickte, sah Enttäuschung, Verzweiflung, vielleicht sogar ein bisschen Fassungslosigkeit. Man muss einige Jahre zurückblicken, ehe Barcelona in Hin- und Rückspiel von einem Gegner so vorgeführt wurde. 5:1 gewann Real Madrid die beiden Clásicos um den Spanischen Supercup. Und das Ergebnis war in Summe hochverdient. Das einzige Tor der Katalanen gelang Messi per Elfmeter nach Schwalbe von Luis Suarez im Hinspiel. Viel mehr klappte in dieser Partie nicht. Im Rückspiel trafen immerhin Messi und Suarez die Latte beziehungsweise den Pfosten. Doch da stand es längst 2:0, der Drops war gelutscht. Schlimmer als das Ergebnis: Barça hatte weniger Ballbesitz, wirkte im Mittelfeld trotz nomineller Überzahl dank eines überraschenden 3-5-2 mit Alba und Sergi Roberto auf den Außenbahnen überfordert und im Sturm fehlte ein Akteur wie Neymar mit seinen Tempodribblings an allen Ecken und Enden.

Neymars Wechsel war ein Schock – Valverde schon unter Druck

Der Wechsel des Brasilianers war ein Schock, gerade für das Selbstbewusstsein des Clubs, seiner Spieler und Fans. Wieso sollte ein Weltklasseakteur wie Neymar Barcelona verlassen? Seit Luis Figos Wechsel vor 17 Jahren hat die Blaugrana der Weggang eines Spielers nicht mehr so verletzt wie Neymars Abschied in Richtung Paris. Das kongeniale Sturmtrio, das zwei Jahre lang mehr oder weniger gut kaschieren konnte, dass Barcelona seit Xavis Abschied nicht mehr nicht mehr der gleiche Verein ist, ist Geschichte.

222 Millionen Euro wären vor ein, zwei Jahren noch genug Geld gewesen, um mindestens in der Breite gleichwertigen Ersatz zu finden. Doch die Clubs wissen um Barcelonas Kaufkraft und vor allem um die Notwendigkeit der Katalanen, sich zu verstärken und nutzen das clever aus. Kommt Coutinho aus Liverpool? Kommt Dembélé aus Dortmund? Seit Wochen gibt es nur Wasserstandsmeldungen. Die Qualität beider Spieler kann Barcelona gut gebrauchen. Doch angenommen, die Transfers gelingen – wie schnell sich beide integrieren und die ersehnten Leistungen bringen, steht in den Sternen. Dass Gerard Deulofeu, der Rückkehrer, Neymar gleichwertig ersetzen kann, glaubt jedenfalls keiner. Und Paulinho, der zentrale Mittelfeldspieler, der mit 29 Jahren für 40 Millionen Euro aus China gekommen ist, gilt unter den culés nicht gerade als Hoffnungsträger.

Ernesto Valverde, der neue Trainer nach dem Abgang von Luis Enrique, wirkt bereits vor dem ersten Ligaspiel unter Druck. Mit zwei Pflichtspielniederlagen, noch dazu zwei Demütigungen gegen den ärgsten Rivalen in ein neues Abenteuer zu starten ist nie ideal. Erst recht nicht bei einem so großen Verein wie Barcelona. Was macht Hoffnung? Eigentlich nur einer. Lionel Messi.

Atlético: Keine neuen Spieler – dafür ein neues Stadion

Rund 500 Kilometer weiter südöstlich hat einer der stolzen Hauptstadtvereine ganz andere Sorgen. Auch Atlético Madrid würde sich gerne verstärken. Nur dürfen sie nicht. Wegen Verstößen gegen Transferbestimmungen von minderjährigen Spielern darf der Verein in diesem Sommer nicht einkaufen. Dabei wäre eine gewisse Blutauffrischung bei den Colchoneros ähnlich nötig wie bei den Blaugrana. Ex-Akteur Diego Costa, vergangenes Jahr noch englischer Meister mit dem FC Chelsea, scheint unbedingt zurückkehren zu wollen. Und dem Transfer an sich steht nichts in Wege: Ähnlich wie Barcelona vor zwei Jahren mit Arda Turan und Aleix Vidal dürfte Atlético aktuell durchaus Spieler kaufen. Nur dürfen diese erst im Januar, zur neuen Transferperiode, eingesetzt werden. Doch die Forderungen von Chelsea und die Angebote von Atlético gehen bisher noch weit auseinander.

Statt neuer Spieler müssen sich die Fans von Atlético auf ein neues Stadion einstellen. Das Estadio Vicente Calderon ist Geschichte, ab sofort tritt die Elf von Diego Simeone im Wanda Metropolitano an, einem umgebauten Leichtathletikstadion. Das heißt: Mit über 70000 Sitzplätzen mehr Kapazität. Aber vermutlich zunächst nicht das Gefühl eines Heimspiels für die Akteure und ihre Fans. Wie der Verein mit der Mixtur aus neuem Stadion und Transfersperre umgeht, bleibt abzuwarten. Als Topfavorit auf den Titel hat die Colchoneros allerdings keiner auf dem Zettel.

Real als Topfavorit auf den Titel

Diese Rolle ist an den großen Stadtrivalen vergeben. Real Madrid ist amtierender Meister und Champions-League-Sieger, hat den spanischen und den europäischen Supercup gewonnen und geht mit einer extrem breiten Brust in die Saison. Zurecht: Der Kader sucht seinesgleichen. Real ist in allen Mannschaftsteilen exzellent besetzt, wobei das Mittelfeld mit Casemiro, Kroos und Modric herausragt und fast an die große Barcelona-Elf dieses Jahrhunderts mit Busquets, Xavi und Iniesta erinnert. Es überrascht nur auf den ersten Blick, dass Real Madrid in diesem Sommer keinen Superstar verpflichtet hat. Die Zeiten, in denen große Namen wichtiger waren als die Zusammenstellung der Mannschaft sind unter Zinedine Zidane vorbei. Der Franzose hat sich als fähiger Mediator herauskristallisiert, der das Ego von Cristiano Ronaldo im richtigen Moment streichelt, dem alternden Torjäger aber auch vermittelt, dass es manchmal besser ist, gegen kleine Clubs eine Pause zu machen um fit zu sein für die großen Aufgaben. Das könnte auch in dieser Saison wieder ausgezeichnet funktionieren, denn Real Madrid hat die nötige Kadertiefe. Auch Karim Benzema und der extrem talentierte Marco Asensio sind immer für ein Tor gut, und mit einem gut aufgelegten Isco als Regisseur könnte aus dem gewohnten 4-3-3 immer häufiger ein 4-4-2 mit Raute werden. Ein kleines Fragezeichen steht hinter Gareth Bale, der auch wegen regelmäßigen Verletzungen nicht die Rolle spielt, die sich der Verein nach dem Transfer des Walisers gewünscht hat. Die jungen Verstärkungen Dani Ceballos und Theo Hernandez gelten beide als extrem entwicklungsfähig.

Vor dem ersten Spieltag hat Real Madrid jedenfalls alle Trümpfe in der Hand. Die blancos sind zurecht der Topfavorit auf die spanische Meisterschaft. Und aktuell spricht wenig dafür, dass der Titelkampf auch in diesem Jahr bis zum letzten Spieltag offen ist. Zu ausgeglichen, zu stark und zu gierig wirkt der Kader des Meisters – und zu schwach die beiden einzigen nennenswerten Konkurrenten.