Kaum ein Verein hat den südamerikanischen Fußball so geprägt wie Estudiantes. Der 1905 in La Plata gegründete Klub schaffte es nicht nur, als erster nicht aus Buenos Aires kommender Verein die Phalanx der „Fünf Großen“ zu durchbrechen, argentinischer Meister zu werden und eine Reihe internationaler Titel zu gewinnen – er propagierte auch eine eigene Spielphilosophie, die bis heute großen Einfluss auf den Ballsport hat.
1967 begann die goldene Ära der „Pincharrata“: Nachdem Boca, River, Racing, Independiente und San Lorenzo die Meisterschaften zwischen 1931 und 1966 unter sich ausgemacht hatten, holte auf einmal der Provinzklub aus La Plata den Titel. Trainer war damals schon Osvaldo Zubeldía, der dem Verein nur kurze Zeit später zu internationalem Ruhm verhelfen sollte: Zwischen 1967 und 1969 schaffte es Estudiantes, ebenfalls als erster nicht aus Buenos Aires stammender Verein, die südamerikanische Copa Libertadores zu gewinnen – und zwar gleich drei Mal am Stück, was vorher überhaupt noch kein Klub geschafft hatte. 1968 holte die Mannschaft den größten Titel der Vereinsgeschichte, den größten überhaupt möglichen: Estudiantes holte in Hin- und Rückspiel (1:0; 1:1) gegen Manchester United den Weltpokal.
Buenos Aires und sonst nichts?
Nun könnte man als Deutscher sagen, dass es nichts besonderes ist, wenn eine Mannschaft von außerhalb der Grenzen der Hauptstadt den Titel holt. Schließlich hat zumindest in Westdeutschland seit 1931 kein Berliner Klub mehr die Meisterschaft gewonnen. Der argentinische Fußball ist jedoch, wie das gesamte Land, anders organisiert: Die reiche Hafenstadt Buenos Aires hat als Brücke nach Europa schon seit jeher einen Sonderstatus. Die Republik Argentinien musste 1853 gar ohne die Provinz Buenos Aires ausgerufen werden, bis sieben Jahre später etliche Zugeständnisse vonseiten der weiteren Provinzen gemacht wurden und die Nation in ihrer heutigen Ausdehnung entstand. Mehr als 200 Jahre nach der Staatsgründung leben im Gran Buenos Aires rund 13 Millionen Menschen, also fast jeder dritte Argentinier.
Was den Fußball geht, nahmen an der „nationalen“ Meisterschaft bis 1966 nur Klubs aus Stadt und Provinz Buenos Aires (deren Hauptstadt La Plata ist) und der Provinz Santa Fe teil. Erst 1967 wurde neben dem „Torneo Metropolitano“ auch das „Torneo Nacional“ eingeführt, bei dem Vereine aus dem ganzen Land teilnehmen konnten, das aber längst nicht so einen hohen Stellenwert hatte. Die heutige Primera División, in die Mannschaften aus dem ganzen Land aufsteigen können, gibt es erst seit 1985. Nichtsdestotrotz genießen die Klubs aus dem Großraum Buenos Aires, von denen stolze 36 über ein mindestens 10.000 Zuschauer fassendes Stadion verfügen, weiterhin einen Sonderstatus. Von der 2. Liga abwärts verfügt die „Área Metropolitana“ über ein eigenes Ligensystem, die Primera B Metro bis Primera D (3. bis 5. Liga) sind bis auf wenige Ausnahmen reine Stadtligen.
Estudiantes mausert sich vom Provinzklub zum Weltpokalsieger
Mit diesem Hintergrund ist es durchaus beträchtlich, dass sich gerade der Klub aus der Stadt mit knapp 750.000 Einwohnern und einer schönen Kathedrale fernab der Landesgrenzen einen Namen gemacht hat. Wie schaffte der damals noch kleine Provinzverein, in internationalen Endspielen Palmeiras aus Brasilien, Nacional und Peñarol aus Uruguay und den englischen Rekordmeister Manchester United auszuschalten? Einen Einblick in die Arbeitsweise von Erfolgscoach Luis Zubeldía lieferten wir bereits vor eigenen Wochen. Kritiker bezeichnen den von Estudiantes propagierten Stil als „Antifútbol“, obwohl der Verein sich seit jeher auf das Wesentliche des Spiels beschränkt: Auf das Gewinnen. „Ganar como sea“, heißt der simple Leitsatz des Klubs. Gewinnen, wie auch immer. „Schöner“ Fußball ist daher nicht unbedingt garantiert, aber auch nicht ausgeschlossen. Wichtig ist, dass der Spieler von Estudiantes 90 Minuten lang alles für den Sieg gibt.
Mit den gewonnenen Weltmeisterschaften 1978 und 1986 wurde die Dialektik zwischen „schönem“ und ergebnisorientiertem Fußball endgültig im Gehirn des argentinischen Fans verankert. 1978 wurde das von einer Militärdiktatur regierte Land unter der Leitung von César Luis Menotti Weltmeister. Der Mann mit der langen blonden Mähne stand für schönen, paradoxerweise„links“ genannten Fußball, feierte seinen einzigen nennenswerten Erfolg auf 16 Trainerstationen (neben der Meisterschaft mit Huracán) aber ausgerechnet für die rechte Militärjunta. Acht Jahre später wurde die „Albiceleste“ mit Dr. Carlos Bilardo Weltmeister. Der promovierte Gynäkologe war als Spieler wichtiger Bestandteil der Elf, die zwischen 1967 und 1970 sechs Titel holte, und lernte später als Co-Trainer von Luis Zubeldía. 1982 holte er mit Estudiantes als Cheftrainer die Meisterschaft und qualifizierte sich dadurch für den Posten als Übungsleiter der Nationalelf. Das argentinische Spiel bei der Weltmeisterschaft 1986 war keineswegs unattraktiv – beim 3:2 im Finale gegen Deutschland ließ Bilardo seine Mannen in einem zu diesem Zeitpunkt innovativen 3-5-2 auflaufen.
Zubeldía und Bilardo prägten nachhaltig
Die Philosophie von Zubeldía, Bilardo und Co. findet noch heute große Berücksichtigung. Alejandro Sabella, der Estudiantes im Jahr 2010 die insgesamt vierte Copa Libertadores bescherte, übernahm später ebenfalls die Nationalmannschaft und unterlag 2014 bekanntermaßen nur knapp im Finale gegen Deutschland. Diego Simeone, der das bei seinem Amtsantritt abstiegsgefährdete Atlético Madrid zu einem spanischen Meister und Champions League-Finalisten geformt hat, gehört ebenfalls der Schule von Estudiantes an. Den Verein aus La Plata hatte er 2006 zur Meisterschaft und zum höchsten Derbysieg in der Geschichte (7:0 gegen Gimnasia) geführt. Mauricio Pellegrino hat einen ähnlichen Weg eingeschlagen: Der ehemalige Innenverteidiger war von 2013 bis 2015 Coach von Estudiantes und führte in der vergangenen Spielzeit den spanischen Aufsteiger Deportivo Alavés sensationell auf den neunten Rang und ins Pokalfinale. Nun ist er für den FC Southampton tätig.
Natürlich werden bei Estudiantes selbst weiterhin die alten Tugenden gepflegt. Als Präsident Juan Sebastián Verón 2015 seinen alten Freund Gabi Milito, ehemals Innenverteidiger des FC Barcelona, als neuen Chefcoach präsentierte, war die Skepsis bei den Fans der „Pincharrata“ von Beginn an groß. Milito galt als Menottist und behauptete des Öfteren selbst, dass ihn am Ende des Spiels nicht nur das Ergebnis interessiere. Beruhigt wurden die Anhänger des Klubs jedoch durch die Auftritte auf dem Platz – Milito beugte sich der Identität des Vereins und ließ ein Jahr lang erfolgreichen Rumpelfußball spielen, bis er sich Ende des Jahres trotz eines gescheiten siebten Platzes dem Druck der Fans beugte und sich verabschiedete. Mit Nelson Vivas übernahm wieder ein Mann aus dem Hause, der 2025 zum besten Trainer der Saison gewählt wurde. Lange Zeit spielte Estudiantes um die Meisterschaft, am Ende stand immerhin der dritte Platz und die Qualifikation für die Copa Libertadores kommendes Jahres. Bei einem 4:1-Auswärtssieg gegen Aldosivi brachten die „Rojiblancos“ unter der Leitung von Vivas das Kunststück fertig, alle vier Tore nach Standards zu erzielen. Nach dem peinlichen Pokalaus gegen Viertligist Pacífico de General Alvear wurde Vivas entlassen und sollte interimsweise durch den bisherigen Reservetrainer Lucas Nardi ersetzt werden. Dieser soll jedoch vor einigen Jahren „Ich hasse Bilardo“ auf Twitter gepostet haben und durfte sein Amt erst garnicht antreten.
Für die neue Spielzeit wurde Gustavo Matosas als Chefcoach verpflichtet – ein Uruguayer, der den mexikanischen Club León zwischen 2012 und 2014 von der zweiten Liga zu zwei nationalen Meisterschaften führte. Ein echter Erfolgscoach also, der gut zur Geschichte des Traditionsklubs zu passen scheint. Doch auch wenn die Titel bei den „Pincharratas“ mal ausbleiben, hat man immer großen Grund, sich selbst zu feiern. Als einer von vielen wenigen Klubs auf dem gesamten Planeten formte und bewahrte Estudiantes de La Plata seine eigene Identität, die bis heute Bestand hat und nicht verraten wird. Salú y feliz aniversario, pincha!



