Im November des vergangenen Jahres erlangte der brasilianische Erstligaclub AF Chapecoense auf tragische Art und Weise Weltruhm. Nun, etwa zwei Monate später versucht der Verein Schritt für Schritt in die Normalität zurückzukehren. Ein schwieriges Unterfangen.
Am 21. Januar 2017 war es zum ersten Mal wieder soweit. Die Arena Condá, der Ort an dem Wochen zuvor die Särge der Verstorbenen aufgebahrt wurden, war Schauplatz eines historischen Freundschaftsspiels. Gegner war mit Palmeiras jene Mannschaft, die auch das letzte Spiel gegen das „alte Chapecoense“ ausgetragen hatte. Die Einnahmen des Benefizspiels kamen den Familien der verstorbenen zu Gute. Der Verein sorgt sich um deren Zukunft, auch wenn dessen eigene Zukunft ebenso ungewiss scheint. Auf den Trikots der Spieler von Chape heißt es „Seja Sócio“, was so viel bedeutet, wie werde Mitglied. Der Verein ist bereits enorm angewachsen, doch weiterhin braucht er dringend Unterstützung.
Übergabe des Pokals, von dem sie träumten – aber nicht auf diese Weise

CONMEBOL
Es waren auch die drei Spieler anwesend, die den Absturz überlebt hatten. Neto, Alan Ruschel und der im Rollstuhl sitzende Torhüter Jackson Follmann. Er hatte sein Bein beim Unglück verloren. Vor Anpfiff der Begegnung nahm Follmann den Pokal für die Copa Sudaméricana entgegen. Für genau diesen Pokal wollte die Mannschaft nach Kolumbien reisen, um ihn auf dem Spielfeld zu erringen. Das bedeutendste Spiel in der Vereinsgeschichte wurde zur größten Tragödie. Es war eine Pokalübergabe unter Tränen, zum Feiern gab es keinen Anlass. Das Preisgeld und die Teilnahme am internationalen Wettbewerb, was mit dem Pokal einhergeht und Chapecoense aufgrund des Verzichts von Gegner Atlético Nacional aus Medellín erhalten hat, kann der Verein jedoch sehr gut gebrauchen. Es steht ein großer Umbruch bevor.
Wilde Gerüchte um neue Spieler
Das Mitgefühl und die Solidaritätsbekundungen waren nach der Tragödie riesig. Der Club verlor 19 seiner Spieler und 24 weitere Personen aus dem Trainerstab und der Funktionärsebene. Nun, da sich die Meldungen über den Flugzeugabsturz des kleinen Vereins aus dem Staat Santa Catarina wieder reduziert haben, beginnt für die Verantwortlichen erst die richtige Arbeit – der Wiederaufbau und der Weg zurück in den Alltag. In den vergangenen Wochen kursierten unzählige prominente Namen, welche ihre Hilfe angeboten hatten. Auch über sportliche Unterstützung von Altprofis, wie Ronaldinho, Zé Roberto, Juan Roman Riquelme oder auch Eidur Gudjohnson wurde heftigst spekuliert. Diese Woche stehen die ersten Pflichtspiele für die Mannschaft aus Chapecó an, keiner dieser Namen ist im Kader zu lesen.
Beim Wiederaufbau wird augenscheinlich eine andere Richtung eingeschlagen. Chape baut auf ein solides Fundament, anstelle eines Prominenten Retters. Vielleicht ist den Verantwortlichen in letzter Zeit auch einfach die Aufmerksamkeit zu groß geworden. Der Verein setzt zunächst auf Leihspieler, 13 Stück sind nun im Kader. Es gibt aber auch bereits acht Verpflichtungen, teils von anderen Vereinen, teils aus der Jugend. Der Kader wird komplettiert von zwei Rückkehrern aus Leihgeschäften und sieben Spielern, die dem Unglück entgangen sind. Aus Solidarität der anderen Clubs, bekommt Chapecoense Leihspieler zu Sonderkonditionen. Einer davon ist Douglas Grolli. Er kommt aus der eigenen Jugend und spielt nun wieder in Chapecó – auf Leihbasis.
Erstes positives Erlebnis seit dem 28. November in Chapecó
Dem Spieler, welcher eigentlich bei Cruzeiro Belo Horizonte unter Vertrag steht, gelang in der 14. Minute historisches. Er erzielte das erste Tor für Chapecoense nach dem Unglück. Sportlich betrachtet war der Ausgleich in einem Freundschaftsspiel unbedeutend. Doch dieser Moment wird in die Geschichtsbücher des Vereins eingehen. Es ist der Augenblick, in dem in der Arena Condá, zum ersten Mal wieder gejubelt werden konnte, Anlass zum Feiern war. Für wenige Sekunden kehrte Normalität im Stadion ein, es war ein weiterer Schritt in Richtung Normalität.
Und genau diesem Alltag blickt der Verein nun ins Gesicht. Gestern, am 26. Januar stand das erste Pflichtspiel an. In der Primeira Liga, vergleichbar mit einem Vorbereitungsturnier, stand man Joinville gegenüber (0:0). Am Sonntag spielt man dann bereits in der Staatsmeisterschaft, einem Wettbewerb, der in Brasilien sehr wichtig ist. Gegner wird Inter de Lages sein. Spätestens dann wird es wieder richtig ernst. Insgesamt wird das Team des neuen Trainers Vágner Mancini mindestens sieben Wettbewerbe in diesem Jahr austragen. Ob der neuformierte Kader dazu bereit ist, bleibt noch abzuwarten. Das stramme Programm lässt den Verein jedenfalls nach vorne blicken.
Dem Verein mit großem Herzen ist Kraft für die Zukunft zu wünschen
Egal, wie die Saison verläuft, es wird für die Verantwortlichen noch viel zu tun geben. Mit den Leihspielern sind langfristige Planungen schwierig und es werden neue Transfers zu tätigen sein. Ob ein bekannter Name auf dem Trikot zu lesen sein wird, bleibt fraglich. Die Teilnahme am internationalen Geschäft, wird zumindest weitere Einnahmen einbringen. Ebenso steht im Sommer ein Freundschaftsspiel im Camp Nou gegen den FC Barcelona an. Dem Club schlägt eine große Welle der Solidarität entgegen. Auch Real Madrid hat finanzielle Unterstützung zugesichert. Die vielen neuen Mitglieder des Vereins, haben auch ihren Beitrag beim Wiederaufbau geleistet. Nur eine Geldquelle wurde bereits kategorisch ausgeschlossen: Filmangebote wurden allesamt abgelehnt, aus Respekt gegenüber den Opfern, werden keine Rechte an die Unterhaltungsindustrie verkauft. Es ist eine von vielen tollen Gesten, die der Verein in einer schweren Zeit gezeigt hat.
Ein Verantwortlicher des Clubs hat bereits im Dezember signalisiert, dass es das größte Ziel sein wird, den Fußball in Chapecó nicht enden zu lassen. Für den Verein, aus einer für brasilianische Verhältnisse sehr kleinen Stadt, ist das kein leichtes Unterfangen. Man sollte dem AF Chapecoense alles Gute für die Zukunft und dessen Weg zurück in das sportliche Tagesgeschäft wünschen, sodass der Verein auch weiterhin die Familien der Opfer so tatkräftig wie möglich unterstützen kann. Das Vermächtnis ihrer verstorbenen Kollegen werden alle Beteiligten mit Gewissheit in Ehren halten. Es wird ihnen für zukünftige Aufgaben Kraft geben. #forçachape


