Veracruz

Schwarzer Freitag für die Roten Haie – Schwere Ausschreitungen in Veracruz

Nach der 0:3-Heimniederlage der Tiburones Rojos Veracruz gegen Meister Tigres spielten sich am Freitag auf den Tribünen brutale Jagdszenen ab, zum Teil bewaffnet gingen die Fans beider Vereine aufeinander los. Abstiegskandidat Veracruz drohen nun drakonische Strafen, zumal der Klub in der Vergangenheit bereits mehrmals negativ aufgefallen war.

Mit einem 3:0 in Veracruz hatte Meister Tigres nach drei Niederlagen in Folge der sportlichen Talfahrt ein Ende gesetzt, dennoch schäumte Trainer Ricardo Ferretti vor Wut wie noch nie zuvor in 25 Jahren als Coach in Mexiko. „Schickt mehr Leute, ihr Schweine“, brüllte er ins Gesicht eines Polizisten, den er gleichzeitig am Kragen packte.

Nur mit Mühe ließ sich der 62-Jährige von seinen eigenen Spielern bändigen, blickte anschließend entsetzt in den Oberrang des Estadio Luis „Pirata“ Fuentes. Dort hatte sich eine handfeste Schlägerei zwischen den Fans beider Mannschaften entwickelt, es flogen Eimer und Flaschen, teils mit Metallstangen und Messern bewaffnete Anhänger der Gastgeber schlugen und traten selbst auf am Boden liegende Gästefans ein.

Dass die Einsatzberichte am Ende nur fünf Verletzte zählten, keiner davon schwer, glich mit Blick auf die Szenen im Stadion einem Wunder. Ebenso die Tatsache, dass nicht eine einzige Festnahme auf die Vorkommnisse folgte. Diese hatten zunächst damit angefangen, dass Mitglieder der berüchtigten Tigres-Ultragruppe „Libres y Lokos“ für Unruhe in einem benachbarten Familienblock sorgten. Von der anderen Seite des Stadions stürmte daraufhin die Gruppe „Barra 47“ bis an den Ort des Geschehens, wo sich anschließend über Minuten wilde Prügeleien ergaben, ehe die vollkommen unterbesetzten Sicherheitskräfte die Lage langsam in den Griff bekamen.

Veracruz-Besitzer Fidel Kuri im Blickpunkt

Schon am nächsten Tag kündigte die Disziplinarkommission des mexikanischen Verbandes FMF ein Untersuchungsverfahren an, wobei die öffentlichen Erklärungen beider Seiten zunächst nicht dabei halfen, das Geschehene seriös aufzuarbeiten. Unter anderem lieferte sich Tigres-Stürmer André-Pierre Gignac, der neben Trainer Ferretti auf dem Spielfeld energisch das Eingreifen der Sicherheitskräfte gefordert hatte, einen Schlagabtausch mit den Verantwortlichen von Veracruz. Diese hatten den Torjubel des Franzosen nach dem 1:0 als Provokation gewertet und ihm daher eine Mitschuld an den späteren Vorkommnissen zugesprochen. Bei Veracruz hingegen gerät einmal mehr vor allem eine Person ins Kreuzfeuer: Besitzer und Ex-Präsident Fidel Kuri Grajales.

Seit dieser 2013 dem sportlichen Aufsteiger La Piedad das Startrecht abkaufte und die „Roten Haie“ in Veracruz zum Erstligisten machte, fiel der Verein immer wieder negativ auf, Kuri wurde in zahlreichen Fällen als Hauptverantwortlicher ausgemacht. So überschritten die Zuschauerzahlen, wie auch am vergangenen Freitag, mehrmals die Gesamtkapazität des Stadions, was mehrere Geldstrafen nach sich zog.

 Der Ort des Geschehens: Das Estadio Luis ‘Pirata’ Fuente

Ohnehin ist das Luis „Pirata“ Fuente seit jeher ein Streitpunkt, immer wieder droht die Lokalverwaltung mit einem Ende des Mietverhältnisses, da Kuri die geforderten steuerlichen Abgaben konsequent verweigert. Auch darf der 52-Jährige erst seit rund einem Monat wieder offiziell als Vertreter der Tiburones Rojos auftreten, nachdem im Januar eine einjährige Sperre des Verbandes abgelaufen war. Diese war ihm aufgebrummt worden, als er während eines Spiels angetrunken auf den Schiedsrichterobmann auf der Tribüne losgegangen war und diesen an den Haaren gezogen hatte. Kurz zuvor hatte er sein Amt als Vereinspräsident niedergelegt, um sich vollends auf sein politisches Amt als Abgeordneter zu konzentrieren – auch wenn ihn das nicht davon abhielt, weitere Fehden mit Reportern und Vertretern anderer Klubs zu führen.

Gegenseitige Schuldzuweisungen

In diese Richtung bewegte er sich auch seit den Vorkommnissen am Freitag, indem er nicht nur gegen Gignac austeilte, sondern die mediale Aufmerksamkeit gleich für einen Rundumschlag nutzte. So witterte er eine systematische Verfolgung durch die Lokalregierung, der er gleichzeitig vorwarf, den obligatorischen Sicherheitssitzungen im Vorlauf der Heimspiele konsequent fernzubleiben. „Wenn die Disziplinarkommission gerecht ist“, ergänzte er im Interview mit dem TV-Sender Univisión Deportes, „dann wird es keinen Zuschauerausschluss geben. Aber natürlich ist es möglich, dass sie Salz in die Wunde streuen und Veracruz schaden werden.“

Auch Ricardo Ferretti nahm gegenüber den Pressevertretern noch einmal Stellung, selbst drei Tage später zeigte sich der Brasilianer dabei noch sichtlich mitgenommen und beteuerte, angesichts der Bilder zwei Nächte wachgelegen zu haben. In einer eindrücklichen Pressekonferenz beklagte er, niemals zuvor eine solche Machtlosigkeit gespürt zu haben, „obwohl ich jetzt schon ein paar Jahre im Fußballgeschäft bin.“ Der gegnerischen Kritik, der Tigres-Anhang habe bereits häufiger Probleme gemacht, hatte er seine persönliche Erfahrung entgegenzusetzen: „Von 2010 bis heute hat es nicht einen einzigen Vorfall bei unseren Heimspielen gegeben. Warum? Weil meine Vereinsführung und die Regierung des Staates Nuevo León sich um die Menschen sorgen, die uns besuchen.“ Damit relativierte er auch seine im Eifer des Gefechts ausgesprochene Drohung „wenn sie das nächste Mal zu uns kommen werden sie schon sehen“, die er am Freitag gegenüber dem gegnerischen Anhang ausgesprochen hatte.

Vieles steht für Veracruz auf dem Spiel

In Erwartung eines Urteils stehen Veracruz nun schwere Wochen bevor, die Mannschaft steckt tief im Abstiegskampf und droht nach den zwei nun folgenden Auswärtsspielen auch den Heimvorteil für das Kellerduell gegen Puebla in drei Wochen zu verlieren. Angesichts von nur drei Punkten Vorsprung auf den einzigen Abstiegsplatz ziehen über dem Hafen von Veracruz dunkle Wolken auf. Und auch für Fidel Kuri zieht sich die Schlinge langsam zu: Die Regierung des Bundesstaates wies mit Blick auf die Anschuldigungen des jetzigen Vereinsinhabers noch einmal darauf hin, dass sowohl die Marke „Tiburones Rojos de Veracruz“ als auch das Estadio Luis „Pirata“ Fuentes in der Hand des Staates seien und Kuri lediglich von einem Leihrecht Gebrauch mache. Sobald der Verein allerdings aus der ersten Liga absteige, verfalle dieses ersatzlos. Für dieses Szenario zeige man sich vorsorglich schon einmal „gesprächsbereit gegenüber allen Investoren, die ein Interesse daran haben, das Leihrecht zu übernehmen und Veracruz zu einem Fußballverein auf Erstliganiveau zu verhelfen.“